FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » US-Insideraufsicht wird kafkaesk

Merken   Drucken   11.11.2010, 14:17 Schriftgröße: AAA

Skurriles Vorgehen: US-Insideraufsicht wird kafkaesk

Die US-Börsenaufsicht SEC musste in der Finanzkrise viel Häme und Spott ertragen. Mit einer gezielten Attacke auf Insiderhändler will die Behörde nun ihr Image polieren. Sicher ist vor ihr inzwischen niemand mehr. von Zacharias Zacharakis, New York und Christian Kirchner  Frankfurt
In den 1980er-Jahren war die Welt an der Börse noch so herrlich einfach. Im Kinoklassiker "Wall Street" war Michael Douglas als Gordon Gekko der Böse, Charlie Sheen als Bud Fox am Ende der Gute, und der ins Telefon gehauchte Code "Blaues Hufeisen liebt Anacott Steel" natürlich der Anstoß für einen verbotenen Insiderhandel.
Filmplakat: Wall Street - Geld schläft nicht   Filmplakat: Wall Street - Geld schläft nicht
Heute hingegen ist Michael Douglas in "Wall Street II" plötzlich geläutert, und Charlie Sheen hat zwar im Film nur noch eine Statistenrolle, dafür aber im echten Leben die Hauptrolle in einer Eskapade rund um ein verwüstetes Hotelzimmer samt einer unbekleideten Dame im Schrank.
Und selbst beim Insiderhandel ist nichts mehr wie früher. Inzwischen macht sich in den USA schon angreifbar, wer genau hinsieht, ob auf einem Rangierbahnhof plötzlich auffällig viele Anzugsträger, um nicht zu sagen: Gordon-Gekko-Klone, herumspazieren - und daraus den durchaus korrekten Schluss zieht, dass hier Investmentbanker einen Unternehmenskauf vorbereiten.
Was klingt wie ein kafkaesker Film, ist nur ein weiteres Zeichen für den Versuch einer Imagepolitur: Nachdem der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) in der Finanzkrise und auch im Madoff-Skandal Versagen vorgeworfen wurde, geht sie nun - seit Dezember 2008 unter Führung von Mary Schapiro - um so härter gegen den Insiderhandel vor.
Im konkreten Fall hatten die vielen Besuche von Anzugträgern auf ihrem Rangierbahnhof zwei Bahnarbeiter stutzig gemacht. Was war da los bei der Florida East Coast Railway, einem lokalem Zugbetreiber? Als einer der beiden Angestellten dann auch noch eine Liste über Lokomotiven, Waggons und Container anfertigen sollte, schlossen die Arbeiter: Das Unternehmen soll verkauft werden.
Der Zugtechniker und der Schienenarbeiter kratzten ihrer Erspanisse zusammen, liehen sich bei Verwandten Geld und setzten auf steigende Kurse ihres Arbeitgebers. Die Rechnung ging auf, denn im Mai 2007 griff tatsächlich eine Heuschrecke zu. Jetzt, drei Jahre später, zerrt die SEC die beiden wegen Insiderhandels vor Gericht. Die Begründung: Die Informationen waren nicht öffentlich.
Längst macht die US-Börsenaufsicht in ihren Ermittlungen wegen illegalen Aktienhandels nicht mehr bei Bankern und Managern halt. "Der illegale Insiderhandel greift um sich und nimmt zu", sagte auch der New Yorker Staatsanwalt Preet Bharara kürzlich bei einer Rede. Und: "Die Leute, die das System betrügen, kommen nicht mehr überwiegend von Firmen der Wall Street, sondern auch aus der normalen Industrie."

Teil 2: Arzt warnt Hedge-Fonds

  • FTD.de, 11.11.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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