Aber: Fehler können passieren, auch Ratingagenturen. Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Dahinter eine absichtliche Attacke zu vermuten, ist mehr als gewagt. Warum sollte Standard & Poors einen solchen Imageverlust risikieren, wenn es Frankreich einen reinwürgen will? Wenn die Agentur das tun wollte, müsste und könnte sie Paris das "AAA" einfach nehmen.
Der Vorgang wirft eher ein Licht auf die hypernervöse Stimmung am Markt und zeigt, wie irrational Anleger die Lage bewerten und wie Ratingagentur-hörig sie sind. Die Lage in Frankreich ist bekannt - auch ohne das Urteil von S&P. Das Land hat einen aufgeblähten Staatsapparat. Um die Banken steht es nicht zum Allerbesten, deren Verluste durch die griechische Tragödie sind enorm. Wenn Italien tatsächlich noch stärker in die finanzielle Bredouille gerät, als es schon ist, wird es die französischen Institute in die Tiefe reißen, ihr Rekapitalisierungsbedarf massiv steigen.
Doch warum bedarf es erst der offiziellen Mitteilung einer Ratingagentur, damit Investoren entscheiden, was sie mit ihren französischen Staatsanleihen tun? Die haben doch ein Hirn und können die Situation auch ohne S&P beurteilen. Nach Ansicht des früheren Beraters des einstigen Präsidenten François Mitterrand, Jacques Attali, hat Frankreich die Topnote sowieso schon längst verloren - trotz seines ambitionierten Sparprogramms. "Machen wir uns nichts vor: auf den Finanzmärkten haben die (französischen) Schulden schon kein 'AAA' mehr", sagte der Ex-Präsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung dem Wirtschaftsblatt "La Tribune" - wenige Tage vor der S&P-Panne.
Prompt kommen Rufe: "Beschneidet die Macht der Ratingagenturen!" Es ist unbestritten, dass sie vor der US-Finanzkrise versagt haben, weil sie die Lage falsch einschätzten und kein Warnsignal sandten, jedenfalls kein hörbares. Nun kriegen sie jedes Mal von Politikern einen drüber, wenn sie warnen. Verursacher der Subprime-Krise und des Euro-Desasters sind die Agenturen nicht. Und sie sind mit Sicherheit auch nicht das Problem der Welt.
Das Problem sind die stümper- und zaghaften Politiker in Griechenland und Italien und die dilettantischen Euro-Rettungsversuche, Problem sind all die Staaten wie die USA, Italien und Japan, aber auch Deutschland und Frankreich, die jahrzehntelang ihre Probleme durch immer neue Schulden auf die lange Bank geschoben und an spätere Generationen weitergereicht haben.