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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   17.04.2012, 18:46 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Der Siegeszug des islamischen Finanzwesens

Der islamische Finanzsektor hat sich zu einer billionenschweren Branche entwickelt. Zinsen sind in dem System zwar verboten, nicht aber Profit. Der Sektor könnte deshalb bald zu einem ernsthaften Konkurrenten des aktuellen Finanzsystems werden.
© Bild: 2012 Bloomberg/Qilai Shen
Kommentar Der islamische Finanzsektor hat sich zu einer billionenschweren Branche entwickelt. Zinsen sind in dem System zwar verboten, nicht aber Profit. Der Sektor könnte deshalb bald zu einem ernsthaften Konkurrenten des aktuellen Finanzsystems werden.
von Andrew Sheng und Ajit Singh

Andrew Sheng ist Präsident des Fung Global Institute in Hongkong und Chefberater der Chinesischen Kommission für Bankenaufsicht. Er ist ehemaliger Chairman der Securities and Futures Commission von Hongkong. Ajit Singh ist Professor emeritus für Ökonomie an der Universität Cambridge. Dieser Artikel basiert auf ihrem in Kürze am Cambridge Center for Business Research erscheinenden Arbeitspapier zum islamischen Finanzwesen.


Die Tatsache, dass Großbritannien derzeit über einen Teilverkauf der 82-prozentigen Staatsbeteiligung an der Royal Bank of Scotland an Staatsfonds aus Abu Dhabi verhandelt, rückt den wachsenden finanziellen Einfluss der arabischen Welt einmal mehr ins Rampenlicht. Dieser Einfluss stellt zugleich eine systemische Herausforderung für die Art und Weise dar, in der heute weltweit Finanzwirtschaft betrieben wird.

Von seinen bescheidenen Anfängen in den 1990er Jahren hat sich der islamische Finanzsektor zu einer billionenschweren Branche entwickelt. Der Marktkonsens ist, dass die islamische Finanzwirtschaft aufgrund günstiger demografischer Bedingungen und steigender Einkommen in den muslimischen Gemeinschaften vor einer strahlenden Zukunft steht.

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Die beste Begründung für ein Nullzinssystem liefert John Maynard Keynes

Das islamische Finanzwesen hat zwei zentrale Grundregeln: ein absolutes Verbot der Berechnung von Zinsen auf Finanztransaktionen und hohe moralische Standards seitens der Kreditgeber und Kreditnehmer. Interessanterweise findet man die beste wirtschaftliche Begründung für ein Nullzinssystem in John Maynard Keynes’ Allgemeiner Theorie:

Bestimmungen gegen den Wucher gehören zu den ältesten Wirtschaftspraktiken, für die wir Belege haben. In einer Welt, in der niemand sich sicher fühlte, wäre der Zinssatz ohne regulatorische Einwirkung nahezu zwangsläufig stark gestiegen. Und zwar in einem Umfang, der zu hoch gewesen wäre, um einen angemessenen Anreiz für Investitionen zu bieten.

Keynes legte nahe, dass nur ein sehr niedriger oder ein Nullzinssatz dauerhaft für Vollbeschäftigung und Verteilungsgleichheit sorgen könne. Keynes’ Unterstützung einer derartigen Politik macht diese nicht notwendigerweise richtig. Doch seine Analyse legt nahe, dass man sie als ernsthafte Alternative betrachten sollte.

Beide Systeme sollten fair miteinander konkurrieren

Doch ob ein bestimmtes System bei der Vermeidung subjektiver Risiken effizient ist, ist eine praktische und keine theoretische Frage. Viele würden zustimmen, dass die christliche Moral historisch betrachtet eine wichtige Rolle beim Aufstieg des Kapitalismus westlicher Prägung spielte. Der säkulare Kapitalismus jedoch erfuhr eine Erosion der Werte, in deren Rahmen der Finanzsektor seine eigenen Interessen über die der übrigen Gesellschaft stellte. Falls die ethischen Werte im islamischen Finanzwesen – auf Grundlage der Scharia – weiterhin vor subjektiven Risiken und dem Missbrauch treuhänderischer Pflichten durch die Finanzinstitute abschrecken können, könnte sich das islamische Finanzwesen als ernsthafte Alternative zu den gegenwärtigen Modellen derivativer Finanzwirtschaft erweisen.

Wichtig ist, dass Zinsen im islamischen Finanzwesen zwar verboten sind, nicht aber Profit - er wird durch verschiedene Arrangements erzielt, die Finanz- und Realwirtschaft verbinden. Im Wesentlichen ist dies ein Gewinn- und Risikobeteiligungssystem, das ausschließlich auf der Finanzierung über Eigenkapital basiert.

Das islamische Finanzwesen steht damit im Gegensatz zum derzeit vorherrschenden System, das auf verzinsten Krediten beruht, bei denen die Risiken theoretisch an die Schuldinhaber übertragen, praktisch jedoch in Krisen vergesellschaftet werden. Die meisten Ökonomen werden zustimmen, dass unter ansonsten gleichen Voraussetzungen Schuldenfinanzierung zu größerer Instabilität führt als Eigenkapitalfinanzierung.

Es folgt aus dem zweiten wichtigen Grundsatz der islamischen Finanzwirtschaft, dass, wenn sich die Menschen streng an seine ethischen Anforderungen hielten, es im islamischen Bankwesen weniger Probleme mit subjektiven Risiken gäbe. Subjektive Risiken treten in allen Systemen auf, in denen der Staat letztlich die Risiken privater Bürger absorbiert.

Zudem zwingen uns die Grundprinzipien des islamischen Finanzwesens, die ethische Grundlage der modernen geldwirtschaftlichen Arrangements zu überdenken, die sich zu einem globalen, auf ungedecktem Papiergeld gründenden Reservewährungssystem entwickelt haben. In der Vergangenheit war Gold der Anker der Geldstabilität und Finanzdisziplin, selbst wenn diese deflationär war.

Die Nagelprobe für jedes alternative Finanzsystem ist letztlich, ob es effizienter, ethischer, stabiler und anpassungsfähiger ist oder sein kann als das vorherrschende System. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine globale islamische Reservewährung und keinen Kreditgeber letzter Instanz. Aber die islamische Welt ist Hüter enormer natürlicher Ressourcen, die ihre Handels- und Finanzaktivitäten stützen.

Wenn die islamische Welt weiter an Bedeutung und Einfluss gewinnt, wird sich das islamische Finanzwesen zu einem eindrucksvollen Konkurrenten des aktuellen Finanzsystems entwickeln. Die Welt könnte sehr davon profitieren, wenn die beiden Systeme in fairer und konstruktiver Weise miteinander konkurrierten, um die Bedürfnisse der Menschen nach unterschiedlichen Finanzierungstypen zu erfüllen.

  • FTD.de, 17.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 03.09.2012 15:00:20 Uhr   Harry WALTAN: Keinen Kreditgeber letzter inztanz

    Gaddafi wollte den Gold Dinar als afrikanisch/islamische Resevewährung einführen.
    Wie das geendet ist wissen wir alle.
    Zum gegenwärtigen Zeitpunkt gibt es keine globale islamische Reservewährung und keinen Kreditgeber letzter Instanz.
    Und wenn sie eine kennen dann lassen sie es uns wissen, unsere Flugzeugträger sind schon betankt und wahrscheinlich vor Ort. ;-)

  • 29.08.2012 12:03:50 Uhr   Till: Alternative oder Taschenspielertrick?
  • 18.04.2012 16:22:05 Uhr   Hermann Schmauder: Der Siegeszug ....
  • 17.04.2012 21:00:04 Uhr   nikep: Beide Systeme sollten fair miteinander konkur...
  • 17.04.2012 20:17:24 Uhr   Pauli: Geld ohne Zinsen und Inflation
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