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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   22.01.2012, 08:00 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Joseph Stiglitz - 2012 könnte es noch schlimmer kommen

Neutarierung der Weltwirtschaft

Darüber hinaus droht weitere Gefahr aus den Schwellenländern: Durch die Stürme von 2008 und 2009 sind sie noch erfolgreich gesegelt. Mit den Problemen, die nun am Horizont aufziehen, können sie nicht so gut umgehen. Brasiliens Wachstum ist bereits ins Stocken geraten, was die lateinamerikanischen Nachbarn tief besorgt.

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Langfristige Probleme - inklusive des Klimawandels und anderer Umweltgefahren und der steigenden Ungleichheit in den meisten Ländern - sind in der Zwischenzeit auch nicht verschwunden. Einige sind ernster geworden. So hat hohe Arbeitslosigkeit die Löhne gedrückt und Armut gesteigert.

Positiv ist, dass eine Lösung der langfristigen Probleme auch bei den kurzfristigen Problemen helfen würde. Höhere Ausgaben, um die Wirtschaft fit für die globale Erderwärmung zu machen, würden die wirtschaftliche Aktivität ebenso stimulieren wie das Wachstum und den Arbeitsmarkt. Eine progressivere Besteuerung (unter dem Strich eine Umverteilung der Einkommen von der Spitze in die unteren Schichten) würde gleichzeitig Ungerechtigkeiten abbauen und die Gesamtnachfrage erhöhen - und damit die Beschäftigung verbessern. Wenn man die Spitzen stärker besteuert, ließen sich Einnahmen generieren, um notwendige öffentliche Investitionen zu bestreiten. Diese wären eine Art gesellschaftlicher Schutz für diejenigen am unteren Ende der Leiter, auch für die Arbeitslosen.

Steuererhöhungen und Ausgabensteigerungen würden sich gegenseitig aufheben. Deshalb könnten sie Arbeitslosigkeit abbauen und die Produktion steigern, ohne das Haushaltsdefizit zu vergrößern. Es steht jedoch zu befürchten, dass Politik und Ideologie nichts davon zulassen werden. Das gilt für beide Seiten des Atlantiks, aber speziell in den USA. Eine Fixierung auf das Defizit wird zu weniger Sozialausgaben führen und damit die Ungerechtigkeit verschärfen. Obwohl so viele Fakten dagegen sprechen - gerade in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit -, ist Angebotspolitik weiterhin beliebt. Das führt dazu, dass Steuern für Reiche nicht erhöht werden.

Schon vor der Krise fand eine Umverteilung der Wirtschaftsmacht statt - genauer gesagt eine Korrektur der seit 200 Jahren andauernden historischen Anomalität, in deren Verlauf Asiens Anteil am weltweiten BIP von nahezu 50 Prozent auf teilweise unter zehn Prozent fiel. Die pragmatische Konzentration auf Wachstum in Asien und anderen Schwellenländern steht konträr zur fehlgeleiteten Politik des Westens. Getrieben von einer Kombination aus Ideologie und versteckten Interessen scheint man hier geradezu entschlossen, nicht zu wachsen.

Deshalb wird sich die Neutarierung der Weltwirtschaft vermutlich beschleunigen, was höchstwahrscheinlich zu politischen Spannungen führt. Angesichts aller Probleme, vor denen die Weltwirtschaft steht, können wir von Glück sagen, wenn sich die Belastungen nicht innerhalb der nächsten zwölf Monate abzuzeichnen beginnen.

  • FTD.de, 22.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 23.01.2012 19:32:17 Uhr   John Doe: Schattenbankensystem

    Stiglitz spielt auf das Schattenbankensystem an. Zurück zu Lehman, AIG und MF Global und der Kanalisierung von Geldern. Alle drei Zusammenbrüche gingen von London aus. In der unregulierten und undurchsichtigen Welt der Schattenbanken lauert dort ein bisher unbekanntes Monster: Die exotischen “Mehrfachhypotheken”. Alle kennen das Monster, die Mehrfachbeleihung von Sicherheiten, assets uvam.!

    Hat sich jemand jemals gefragt, woher MF Global das Geld für eine Sechs-Milliarden-Dollar-Wette hatte – eine Summe fünfmal so hoch wie der Gesamtwert des Unternehmens. Der IWF hat errechnet, dass Investmentbanken sich vor dem Lehman-Kollaps Geld besorgt haben, indem sie über London aus Sicherheiten ihrer Kunden im Wert von einer Billion Dollar vier Billionen gemacht haben. Volumenschätzungen des Schattensystems gehen davon aus, dass es bis zu 60 Billionen Dollar sind. Bis heute sind die großen Investmenthäuser massiv in dieses Spiel involviert: JP Morgan und Morgan Stanley mit jeweils 410 Milliarden Dollar (314 Milliarden Euro), Credit Suisse mit 354 Milliarden Dollar. Die Fachzeitschrift „Business Law Currents“ hat diese Zahlen für eine ausführliche Analyse des Spiels mit den Mehrfachhypotheken errechnet. „Das Systemrisiko, das die Mehrfachhypotheken erzeugen, ist atemberaubend“. Wenn die Erhebungen der Fachzeitschrift sich bestätigen, dann wurde durch Mehrfachhypotheken schlicht die größte Kreditblase aller Zeiten geschaffen!
    Das Monster hat auch direkte Konsequenzen für die Schuldenkrise der Eurozone. Geht GR Bankrott, dann reißen deren "Peanuts" Staatsschulden den Rest des Pyramidensystems ein. „Business Law Currents“: „Wenn man bedenkt, dass Mehrfachhypotheken den finanziellen Fußabdruck von europäischen Staatsanleihen um mindestens das Vierfache vervielfacht haben könnten, dann könnte der Bankrott eines Eurolandes die Apokalypse bedeuten.“
    Damit erklärt sich auch die Scheu der Politiker GR Pleite gehen zu lassen. Es erklärt auch, warum Banken bei Schuldenschnitten nicht mehr zur Kasse gebeten werden sollen. Schon der Schuldenschnitt, erst recht ein Staatsbankrott könnte das ganz große Pyramidenspiel der globalen Banken zum Einsturz bringen!

  • 23.01.2012 13:58:59 Uhr   Karola Schramm: Alles so gewollt
  • 23.01.2012 12:22:02 Uhr   Europa: 2012 könnte es noch schlimmer kommen
  • 23.01.2012 11:30:39 Uhr   Traumschau: Siegfried Bauer und Jürgen Koch
  • 22.01.2012 22:39:23 Uhr   focus: @David
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