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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   22.10.2012, 15:00 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Joseph Stiglitz - Der geldpolitische Irrweg

Kommentar Fed und EZB tragen an der Krise eine erhebliche Mitschuld. Und die bisherigen geldpolitischen Maßnahmen haben sich als unwirksam erwiesen. Jetzt sind die Regierungen an der Reihe.

Joseph Stiglitz ist Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft


Die Notenbanken auf beiden Seiten des Atlantiks haben im September außergewöhnliche geldpolitische Maßnahmen ergriffen: die lange erwartete "QE3". Westlich des Atlantiks entschied sich die US Federal Reserve für die dritte quantitative Lockerung; in Europa kündigte EZB an, in unbegrenzter Menge Staatsanleihen der Euroländer aufkaufen zu wollen, die in Schwierigkeiten stecken. Die Märkte reagierten euphorisch; in den USA etwa stiegen die Aktienkurse auf den höchsten Stand seit der Rezession.

Kritiker, insbesondere auf der politischen Rechten, zeigten sich besorgt, dass die jüngsten geldpolitischen Maßnahmen die Inflation anheizen und zu ungezügelten staatlichen Ausgaben ermutigen könnten.

Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz   Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz

Tatsächlich sind sowohl die Befürchtungen der Kritiker als auch die Euphorie der Optimisten unbegründet. Angesichts nicht ausgelasteter Produktionskapazitäten und der düsteren wirtschaftlichen Aussichten in naher Zukunft ist das Risiko einer ernsten Inflation minimal.

Trotzdem sind mit den Maßnahmen von Fed und EZB drei Botschaften verbunden, die den Märkten Anlass zum Nachdenken hätten geben sollen. Die Erste: Es ist ein Eingeständnis, dass die bisherigen Maßnahmen nicht funktioniert haben. Tatsächlich tragen die wichtigen Notenbanken an der Krise eine erhebliche Mitschuld. Die Fähigkeit, ihre Fehler wieder gut zu machen, ist allerdings begrenzt.

Zweitens impliziert die Ankündigung der Fed, die Zinsen bis Mitte 2015 auf außergewöhnlich niedrigem Niveau halten zu wollen, dass sie nicht an eine baldige Konjunkturerholung glaubt. Das sollte Europa eine Warnung sein, weil seine Wirtschaft inzwischen viel schwächer ist als die Amerikas.

Und schließlich haben Fed und EZB mit dieser Entscheidung zum Ausdruck gebracht, dass die Märkte allein keine Vollbeschäftigung herstellen werden. Das sollte denjenigen in Europa und Amerika, die nach dem genauen Gegenteil rufen - nämlich noch mehr Austerität fordern - zur Antwort dienen.

Steuerliche Impulse könnten die Konjunktur ankurbeln

Die Konjunkturimpulse, die wir auf beiden Seiten des Atlantiks brauchen, sind steuerliche Impulse. Die bisherigen geldpolitischen Maßnahmen haben sich als unwirksam erwiesen. Mehr davon dürfte die Wirtschaft kaum auf einen nachhaltigen Wachstumskurs zurückführen.

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In traditionellen Wirtschaftsmodellen führt mehr Liquidität zu einer erhöhten Kreditvergabe, vor allem an Investoren, manchmal auch an Verbraucher. Das steigert die Nachfrage und die Beschäftigung. Was aber ist in den Fällen, wo so viel Geld aus dem Banken system geflüchtet ist und weiter flüchtet, während Europa an der Umsetzung eines gemeinsamen Bankensystems herumtüftelt? Spanien ist dafür ein gutes Beispiel. Nur mehr Liquidität bereitzustellen und zugleich die gegenwärtige Sparpolitik fortzusetzen, wird ihre Volkswirtschaft nicht wieder in Gang bringen.

Genauso wurden in den USA kleinere Banken, die überwiegend kleine und mittelgroße Unternehmen finanzieren, ziemlich vernachlässigt. Die US-Regierung hat - sowohl unter Präsident George W. Bush als auch unter Barack Obama - Hunderte von Milliarden Dollars bereitgestellt, um die Megabanken zu stützen. Zugleich hat sie zugelassen, dass hunderte dieser lebenswichtigen kleineren Kreditinstitute Pleite gingen und vom Markt verschwanden.

Doch die Kreditvergabe wäre selbst dann verhalten, wenn die Banken gesünder wären. Schließlich sind Kleinunternehmen auf besicherte Kredite angewiesen. Und der Wert von Immobilien - der wichtigsten Form von Sicherheit - liegt noch immer um ein Drittel unter dem Stand wie vor der Krise. Zudem werden niedrigere Zinsen angesichts der Größenordnung des Immobilien-Überangebots kaum dazu beitragen, die Immobilienpreise wiederzubeleben, und schon gar nicht zum Aufbau einer weiteren Konsumblase führen.

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Natürlich lassen sich marginale Auswirkungen nicht ausschließen: Kleine Veränderungen bei den langfristigen Zinsen aufgrund der QE3 können zu geringfügig höheren Investitionen führen. Einige Reiche werden den zeitweisen Anstieg der Aktienkurse nutzen, um mehr zu konsumieren, und ein paar Eigenheimbesitzer werden in der Lage sein, ihre Hypotheken umzuschulden, sodass sie wegen der niedrigeren Monatsraten mehr konsumieren können.

Vorübergehende Maßnahmen führen zu kurzen Ausschlägen der Aktienkurse

Aber die meisten Reichen wissen, dass vorübergehende Maßnahmen nur zu einem kurzen Ausschlag der Aktienkurse führen. Und das dürfte kaum reichen, eine Konsumorgie zu unterstützen. Zudem deuten Berichte darauf hin, dass die niedrigeren Zinsen kaum zu den Eigenheimbesitzern durchdringen; die Hauptprofiteure sind die Banken. Viele können ihre Hypotheken auch gar nicht umschulden, weil sie "abgesoffen" sind: Ihre Hypothekenschulden sind höher als der Wert der ihr zugrundeliegenden Immobilie.

Wenn sich die Zinsen absenken, schwächt sich der Wechselkurs oftmals ab, eine Art kompetitive Abwertung auf Kosten von Amerikas Handelspartnern. Diesmal kann Amerika davon nicht profitieren. Denn angesichts der niedrigeren Zinsen in Europa und des weltweiten Konjunkturabschwungs dürfte der Nutzen gering sein.

Manche sind besorgt, dass die frische Liquidität zu noch schlimmeren Resultaten führen wird; etwa einem Rohstoffboom, der so ähnlich wie eine Steuer gegenüber den Verbrauchern in den USA und Europa wirken würde. Ältere Leute, die besonnen waren und ihr Geld Staatsanleihen angelegt haben, werden geringere Renditen erzielen, was wiederum ihren Konsum reduzieren wird. Und die niedrigen Zinsen werden Unternehmen dazu verleiten, ihr Geld für Anlagevermögen wie hochgradig automatisierte Maschinen auszugeben. Das gewährleistet, dass ein Aufschwung relativ wenige Arbeitsplätze schaffen wird. Kurz gesagt: Der Nutzen ist bestenfalls gering.

In Europa hat die geldpolitische Intervention ein größeres Nutzenpotenzial. Das Risiko, dass sie die Lage verschlimmert, ist allerdings ähnlich hoch. Um der Sorge über staatliche Verschwendung zu begegnen, hat die EZB Bedingungen in ihr Anleihekaufprogramm eingebaut. Doch wenn diese Bedingungen wie Sparmaßnahmen wirken - die ohne begleitende Wachstumsmaßnahmen durchgesetzt werden -, werden sie eher einem Aderlass ähneln: Der Patient riskiert dabei den Tod, bevor er eine echte Medizin erhält. Die Furcht der Regierungen, ihre wirtschaftliche Souveränität zu verlieren, wird dazu führen, dass sie die EZB nur zögerlich um Hilfe bitten werden. Und auch nur dann, wenn die Hilfe eine echte Wirkung zeigt.

Es besteht noch ein weiteres Risiko für Europa: Falls sich die EZB zu sehr auf die Inflation konzentriert, während die Fed versucht, die US-Konjunktur anzukurbeln, wird das Zinsgefälle zu einem stärkeren Euro führen. Das würde Europas Wettbewerbsfähigkeit und seine Wachstumsaussichten untergraben.

Geldpolitik allen kann die Wirtschaft nicht beleben

Sowohl in Europa wie auch in Amerika besteht derzeit die Gefahr, dass Politik und Märkte glauben, die Geldpolitik könne die Wirtschaft beleben. Leider besteht ihre wesentliche Wirkung zum gegenwärtigen Zeitpunkt darin, die Aufmerksamkeit von Maßnahmen abzulenken, die das Wachstum tatsächlich ankurbeln würden. Darunter fallen eine expansive Fiskalpolitik und Reformen des Finanzsektors, die sich auf die Kreditvergabe auswirken würden.

Der gegenwärtige Abschwung, der nun bereits ein halbes Jahrzehnt andauert, wird so schnell nicht enden. Das ist, zusammengefasst, was Fed und EZB uns sagen. Je schneller unsere Regierungen das anerkennen, desto besser.

  • FTD.de, 22.10.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 05.11.2012 07:48:20 Uhr   Herman: Können Rezepte noch helfen?

    Den Einwand von Woszniewski kann ich nicht gelten lassen: Stiglitz betont, dass niedrige Zinsen allein nicht zum Erfolg führen. Allenfalls "einige Reiche" dürften mehr konsumieren, die "meisten Reichen" aber werden von einem nur "kurzen Ausschlag der Aktienkurse" ausgehen. Und nur wenige verschuldete Eigenheimbesitzer können von jetzt billigen Hypotheken profitieren. Überdies können die niedrigen Zinsen zu einer Verschärfung der Lage beitragen, insofern sie Arbeitsplätze abbauende Investitionen begünstigen.

    Ich meinerseits befürchte, dass wir uns in einer Systemkrise befinden, wo die Rezepte der Vergangenheit nicht mehr helfen. Seit Jahrzehnten hat der Staat, um das Rad der Wirtschaft am Laufen zu halten, die gesamtwirtschaftliche Nachfragelücke, die sich auftat, über seine Ausgabenpolitik geschlossen. Hierzu gehört insbesondere auch der Ausbau des Sozialstaates. Die Politiker haben sich dafür auf Keynes berufen, sind diesem allerdings nicht gefolgt, wenn es galt, den staatlichen Schuldenberg auch wieder abzutragen. Das mag nicht zuletzt der demokratischen Ausgestaltung unserer Gesellschaft geschuldet sein, die es Parteipolitikern ratsam erscheinen lässt, so notwendige wie unbeliebte Sparmaßnahmen der jeweils nächsten Regierung zu überlassen. Und was es heißt, dem Volk gar sozialpolitische '"Errungenschaften" wieder abnehmen zu wollen, ist z.B. in Griechenland zu beobachten.

    Das Problem ist mithin, der Staat ist immens verschuldet. Aber ob er nun spart oder sich noch mehr verschuldet - so oder so, wir scheinen in einer Sackgasse angelangt.

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