Urlaubsstimmung dürften sich bei Aktionären von Touristikunternehmen kaum einstellen, wenn sie einen Blick auf die Kurse ihrer Aktien werfen. Seit Februar fallen die Notierungen der meisten Werte. "Das konjunkturelle Umfeld für die Branche ist schwierig", sagt Sebastian Hein, Analyst beim Bankhaus Lampe. Die Euro-Krise hat eine Reihe europäischer Staaten bereits in die Rezession getrieben. In Deutschland geht die Angst vor einem Konjunkturabschwung um. "Anleger fürchten, dass die Menschen in diesem Sommer bei ihren Urlaubsplänen den Rotstift ansetzen werden und wenden sich von den Titeln ab", sagt Hein.
Analysten teilen den Pessimismus, der den Branchenpapieren an der Börse entgegenschlägt, nicht. Simon Champion, Richard Carter und Geof Collyer von der Deutsche Bank haben gerade die TUI-Aktie von "Halten" auf "Kaufen" heraufgestuft: "Der Titel sieht jetzt attraktiv aus." Zwar hat der Hannoveraner Touristikkonzern in den ersten drei Monaten dieses Jahres 185 Mio. Euro Verlust eingefahren. Allerdings schreiben Pauschalurlaubsanbieter in dem von Individualreisen geprägten Wintersportquartal traditionell rote Zahlen. Zudem belasteten die gesunkenen Frachtraten im Seehandel das Ergebnis der Reedereitochter Hapag-Lloyd. TUI will mittelfristig aus dem Frachtgeschäft aussteigen und den Containerreeder an die Börse bringen.
Bei der Vorlage der Quartalszahlen hatte TUI-Chef Michael Frenzel für das Gesamtjahr leichte Steigerungen bei Umsatz und Gewinn in Aussicht gestellt. Champion, Carter und Collyer trauen dies dem Konzern zu und raten zum Kauf der Aktie mit einem Kursziel von 6,60 Euro.
Gegenüber der aktuellen Notierung würde dies einem Plus von mehr als 37 Prozent entsprechen. Lampe-Analyst Hein hat die TUI-Aktie zwar noch mit "Halten" eingestuft. Sein Kursziel von 5,50 Euro liegt rund 15 Prozent über dem aktuellen Stand. Einen Gewinneinbruch erwartet Hein nicht. "TUI kann als Marktführer kurzfristig die Kapazitäten für Flüge und Hotels reduzieren, sollte die Nachfrage sinken."
Auch für britische Touristikunternehmen hellt sich bei Analysten die Stimmung auf. Seit Beginn der Finanzkrise schrumpft das Geschäft, weil viele Briten auf Pauschalurlaube verzichten oder nur noch deutlich kürzere Reisen gebucht hatten. Branchengigant Thomas Cook , dem in Deutschland auch Neckermann Reisen gehört, ist dadurch in tiefrote Zahlen geraten. Im ersten Geschäftshalbjahr 2011/2012 fiel ein Verlust von 643 Mio. Pfund (804,8 Mio. Euro) an.
Berenice Lacroix von Alphavalue hat die Aktie jetzt jedoch auf" Zukaufen" heraufgesetzt, nachdem der Konzern mit den Banken ein Refinanzierungspaket aushandeln konnte. James Hollins von Investec Securities rät zum Kauf des Papiers, nachdem Harriet Green zur neuen Vorstandschefin berufen wurde. "Green hat sich einen Namen damit gemacht, ins Straucheln geratene Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen." Als ersten Schritt will sie Hotels und Flugzeuge verkaufen.
Geteilter Ansicht sind Analysten bei der britischen TUI-Tochter TUI Travel. Die Gesellschaft ist 2007 aus der Fusion des britischen Urlaubsanbieters First Choice Holidays mit den Reisebüros, Reiseveranstaltern und den Luftfahrtaktivitäten der TUI hervorgegangen. Der Hannoveraner Konzern hält derzeit 56 Prozent der Anteile. Im ersten Quartal dieses Jahres erwirtschaftete TUI Travel vor Abschreibungen, Steuern und Zinsen einen Verlust von 256 Mio. Euro nach einem Minus von 271,6 Mio. Euro im Vorjahreszeitraum. Die Experten von Barclays Capital raten bei der Aktie zu "Übergewichten". Ihr Kursziel von 2,20 Pfund liegt rund 27 Prozent über dem aktuellen Kurs. Hingegen sehen die Analysten von Nomura Equity Research kein Kurspotenzial und haben den Wert mit "Neutral" eingestuft.
Beim weltgrößten Kreuzfahrtanbieter Carnival Cruise brach der Nettogewinn im ersten Quartal auf nur noch 14 Mio. Dollar (11,2 Mio. Euro) nach 206 Mio. Dollar im Vorjahreszeitraum ein. Dies lag allerdings nicht an der Havarie des Kreuzfahrtschiffes "Costa Concordia" der italienischen Tochterreederei Costa Crociere im Januar vor der Insel Giglio. Vielmehr lastete der hohe Ölpreis auf den Erträgen. Das bekam auch der Mitbewerber Royal Caribbean Cruises (RCC) zu spüren. Hier fiel der Gewinn von 78,4 Mio. Dollar im Vorjahreszeitraum auf 47 Mio. Dollar.
Weil der Ölpreis inzwischen wieder gesunken ist, erwarten Analysten jedoch steigende Erträge im weiteren Jahresverlauf. Matthias Desmarais von BNP Paribas stuft die Carnival-Aktie mit "Outperform" ein. Felicia Hendrix von Barclays Capital rät bei RCC zum Übergewichten. Robin Farley von der UBS sieht den fairen Wert der RCC-Aktie bei 29 Dollar - zwölf Prozent über dem aktuellen Kurs.