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Merken   Drucken   15.08.2011, 09:00 Schriftgröße: AAA

Turbulenzen an Märkten: Kurssturz kann US-Fondsmanager nicht schrecken

Trotz des Börsenbebens bleiben sie gelassen: Die Manager von US-Aktienfonds raten zur Ruhe. Ein verfrühter Einstieg ist dennoch heikel.
© Bild: 2011 FTD/Daniel Matzenbacher
Trotz des Börsenbebens bleiben sie gelassen: Die Manager von US-Aktienfonds raten zur Ruhe. Ein verfrühter Einstieg ist dennoch heikel. von Julia Groth und Kim Bode
Der US-Aktienmarkt schafft es derzeit, die Nerven der Anleger immer wieder aufs Neue zu strapazieren. Der marktbreite Aktienindex S&P 500, der die Entwicklung der 500 größten US-Konzerne abbildet, ist seit Ende Juli um 20 Prozent gefallen und scheint nun eher auf tiefem Niveau zu schwanken, als sich rasch wieder zu erholen.
Manager von US-Aktienfonds nehmen die Kursstürze indes gelassen. "Seit der Großen Depression im Jahr 1929 hat es 30 Marktrückgänge um 15 Prozent oder mehr gegeben, aber nur zwei von ihnen haben eine Rezession vorausgesagt", sagt Bob Doll, Aktien-Chefstratege bei der US-Investmentgesellschaft Blackrock. Die Fundamentaldaten der US-Firmen seien gut, der Markt werde sich bald erholen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei den schlechten Makrozahlen aus den USA nur um eine temporäre Wachstumsschwäche handelt, ist größer als die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in die Rezession", sagt auch Thomas Härter, Leiter der Anlagestrategie beim Schweizer Fondsanbieter Swisscanto.
Anleger von US-Aktienfonds sollten nach Ansicht der Finanzprofis vorläufig vor allem eines tun: Ruhe bewahren. Die jüngsten Kursstürze seien getrieben von der Herabstufung der US-Bonitätsnote und der Unsicherheit vieler Anleger - nicht aber von deutlich verschlechterten Unternehmensdaten. Das sehen nicht nur US-Fondsmanager so, sondern auch unabhängige Experten wie Oliver Hagedorn, Geschäftsführer der Berliner Vermögensverwaltung Avesco: "Was wir zurzeit an den Aktienmärkten sehen, ist keine geplatzte Blase. Die US-Unternehmen seien jetzt nicht schlechter aufgestellt als vor 14 Tagen.
Aktienfonds, die in US-Standardwerte investieren, verzeichnen im laufenden Jahr zwar im Schnitt ein Minus von rund zehn Prozent, zeigen Zahlen der Ratingagentur Morningstar. Damit stehen sie aber nur minimal schlechter da als weltweit investierende Standardwertefonds. "Investoren mit langfristigem Anlagehorizont sollten jetzt keine Panikverkäufe tätigen. Aktien gehören immer ins Portfolio", sagt Hagedorn. Die richtige Vermögensverteilung sollte Zwischentiefs abfedern können, bevor sie im Portemonnaie wehtut.
Option für Mutige   Option für Mutige
Die Schuldenprobleme der USA beträfen vor allem Staatsanleihen, sagt Dominic Rossi, Aktien-Chefstratege der US-Fondsgesellschaft Fidelity International. Für Unternehmen hätten sie dagegen keine so große Bedeutung. "Im Gegensatz zu einigen Staaten haben viele gute Unternehmen seit der Finanzkrise ihre Bilanzen saniert und verfügen über hervorragende Fundamentaldaten. Sie erzielen wieder starke Cashflows und solide Gewinne", so Rossi. Aktien seien deshalb jetzt sogar eine besonders gute Wahl. Viele Manager von US-Aktienfonds weisen dabei auf die jüngsten Quartalsergebnisse der Unternehmen hin. Drei Viertel von ihnen haben im zweiten Quartal dieses Jahres ihre Ertragsprognosen übertroffen.
Ganz so optimistisch sind unabhängige Finanzexperten dann allerdings doch nicht. "Die Unternehmensgewinne in den USA sind zwar erstaunlich gut", sagt Tom Friess, Geschäftsführer der Finanzberatung VZ Vermögenszentrum in München. Anleger sollten die Zahlen aber nicht überbewerten: "Als Investor kauft man schließlich keine vergangenen Gewinne." Die niedrigen Kurse zu nutzen und jetzt in US-Aktien einzusteigen hält er für riskant. Noch ist schließlich unklar, wie sich das Wirtschaftswachstum in den USA entwickeln wird. Die US-Regierung hat sich zwar im Schuldenstreit geeinigt. Ihr neuer Sparkurs könnte der Konjunktur aber einen empfindlichen Dämpfer versetzen. "Die Preise der Aktien sind überdies nicht so niedrig, dass man jetzt einsteigen müsste", sagt Friess. "In einem diversifizierten Portfolio sollten zwar auch US-Aktien sein. Positionen jetzt neu einzugehen wäre aber mutig."
Verhalten und Gefühle

So bewegte Zeiten hat die Wall Street seit 2008 nicht mehr gesehen. Im Zickzackkurs stürzte der Leitindex Dow Jones vergangene Woche gleich um mehrere Prozentpunkte ab und legte fast ebenso viel wieder zu. Woher rühren diese extremen Kurssprünge? Sicher, da gab es die Herabstufung der Kreditwürdigkeit der USA durch die Ratingagentur Standard & Poor's. Auch wurde die Anhebung der Schuldengrenze erst zwei Tage vor Ablauf der Frist beschlossen. Aber dass die größte Volkswirtschaft ein Schuldenproblem hat, dürfte ja keine Neuigkeit mehr gewesen sein. Und auch, dass die Euro-Zone in einer Krise steckt. Rational lässt sich das Auf und Ab kaum erklären.

Einen Ansatz liefert die Verhaltensökonomie: "Würden sich wirklich alle Investoren wie sogenannte rationale Agenten verhalten, wären die durchschnittlichen Renditen und auch die Volatilität der Kurse insgesamt viel geringer", sagt Thomas Mertens, Professor an der New York University mit dem Schwerpunkt Behavioral Finance. In seiner jüngsten Studie kommt er zu dem Ergebnis, dass schon geringe Abweichungen vom idealtypischen Verhalten eines Händlers, etwa aufgrund von Gefühlsschwankungen, andere Preise zur Folge haben.



Abneigung gegen Unsicherheit

"Investoren hassen Verluste mehr, als sie Gewinne mögen", so Mertens weiter. Das bedeutet, dass sie eine sehr große Abneigung gegenüber Unsicherheit haben. Die allerdings hat in den vergangenen Wochen angesichts des Schuldenstreits und enttäuschender Konjunkturdaten deutlich zugenommen. So ist der Volatilitätsindex in den vergangenen drei Wochen auf das Doppelte des Anfangswerts nach oben geschossen. Ebenfalls durch die Decke ging der Goldpreis, ein weiterer Indikator für Unsicherheit an den Märkten. "Die Investoren interessiert nicht nur, welches Ergebnis die Verhandlungen über die Anhebung der Schuldengrenze gebracht haben, sondern vor allem auch, wie sie geführt worden sind", so Mertens. Viele machten sich Sorgen über die politische Handlungsfähigkeit der USA.

Hinzu komme der allgemeine Herdentrieb: "Häufig warten Investoren auch ab, wie andere die Daten interpretieren", sagt Mertens. "Wenn die Aktienpreise fallen, ist das für manche dann schon der Anlass, selbst zu verkaufen." Denn das könne ja bedeuten, dass andere negative Informationen haben. Zudem überschlügen sich Trends häufig: Stiegen die Kurse, setzten Investoren darauf, dass dies noch länger anhalte, und kauften weiter - genauso aber auch in umgekehrter Richtung.

  • Aus der FTD vom 15.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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