Die US-Politik ist für ihre spektakulären und pathosgeladenen Wahlkampfveranstaltungen zwar bekannt, Fondsmanagern ringt sie damit jedoch nicht mehr als ein Gähnen ab. Allerdings nicht in diesem Jahr: 2012 schauen Anlagestrategen genau hin, schon bevor die Amerikaner im November zur Wahlurne müssen: "Normalerweise haben Wahlen keine dauerhafte Auswirkung auf Konjunktur und Kapitalmärkte. In den USA stehen aber wichtige Entscheidungen über die Ausrichtung der Fiskalpolitik in den kommenden Jahren an" , sagt Frank Hübner, Chefvolkswirt bei Sal. Oppenheim.
Die Rede ist vom sogenannten Fiscal Cliff, der Steuerklippe. Gemeint sind damit eine Reihe von Steuererleichterungen und Konjunkturprogramme im Umfang von mehr als 500 Mrd. Dollar (400 Mrd. Euro), die zum Teil noch aus der Amtszeit von George W. Bush stammen - und Ende des Jahres vom US-Kongress verlängert werden müssten, weil sie sonst auslaufen. "Eine Fortsetzung der aktuellen politischen Blockade könnte sich daher bereits 2013 sehr negativ auf die Wirtschaft auswirken", sagt Hübner. Im schlimmsten Fall erwarten Investmentbanken wie Bank of America Merrill Lynch oder Morgan Stanley dann eine Delle von bis zu fünf Prozentpunkten im amerikanischen Bruttoinlandsprodukt und eine darauf folgende Rezession.
Die Skepsis kommt auch in Europa nicht von ungefähr, schließlich waren der Dollar und in der US-Währung notierte Anlagen gerade durch die Querelen auf dem eigenen Kontinent für europäische Anleger zuletzt ein wichtiger Fluchtpunkt.
"Überraschenderweise haben Investoren bisher auf die Sorgen um die US-Fiskalpolitik noch nicht reagiert", sagt Kurt Schappelwein, Leiter für gemischte Anlagestrategien bei Raiffeisen Capital Management. Er glaubt, dass niemand solch eine dramatische Entwicklung in den USA ernsthaft in Betracht zieht. "Es wird wohl zu einer Einigung kommen", meint Schappelwein, "allerdings vermutlich nicht mehr vor der Wahl." Die Schwankungen an den US-Finanzmärkten dürften daher seiner Meinung nach in den kommenden Monaten deutlich zunehmen.
Das prognostiziert auch Diane Bruno, Fondsmanagerin bei der Investmentboutique Mandarine Gestion. "Es könnte ein ähnliches ideologisches Gerangel zwischen Demokraten und Republikanern geben wie im vergangenen Jahr, als es um die Anhebung der Schuldengrenze der Vereinigten Staaten ging", meint sie.
Vor diesem Hintergrund rät Schappelwein Anlegern, mit einem verstärkten Investment in den USA zumindest die Wahlen abzuwarten. "Gewinnt Barack Obama, könnte die amtierende Regierung durchregieren. So etwas honorieren die Finanzmärkte, vor allem auf der Aktienseite", meint er. Eine neue Regierung wäre hingegen erst im Januar voll einsatzfähig - und die Entscheidung über die Umschiffung des "Fiscal Cliff" fiele dann in die Übergangszeit. Bruno sieht trotz der unruhigen Monate noch Chancen am US-Aktienmarkt: "Die Unternehmen profitieren über einen längeren Zeitraum stark von den niedrigen Energiekosten", sagt sie. "Dieser positive Trend dürfte kurzfristige Schwankungen in den kommenden Monaten am Ende ausgleichen."
Hübner von Sal. Oppenheim spricht zwar ebenfalls von einer gewissen Zurückhaltung gegenüber den USA, rät Investoren aber trotz des drohenden politischen Gerangels davon ab, sich ganz aus dem Dollar-Raum zu verabschieden. "Das Risiko einer Zäsur ist für die Euro-Zone immer noch stärker als in den USA", sagt er. "Und gerade der Dollar bleibt für Anleger aus Europa eine liquide Reservewährung, die ihnen in holprigen Zeiten Flexibilität ermöglicht."