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Merken   Drucken   08.11.2012, 18:22 Schriftgröße: AAA

Wall Streeter: Kommunist im Weißen Haus

Wie die Kesselflicker fluchten die Händler auf dem Parkett. Was keineswegs als eine Beleidigung für die Zunft verstanden werden soll. Die Mienen an der Wall Street waren am Mittwoch nur noch finster.
© Bild: 2012 Reuters/LUCAS JACKSON
Wie die Kesselflicker fluchten die Händler auf dem Parkett. Was keineswegs als eine Beleidigung für die Zunft verstanden werden soll. Die Mienen an der Wall Street waren am Mittwoch nur noch finster.
von Jens Korte

Jens Korte schreibt als Wall-Street-Korrespondent für die FTD.

Jason, der gemeinsam mit seinem Vater eine kleine Brokerbude betreibt, konnte sich kaum noch einkriegen. Ein gereizter Kollege schrie: "Kommt, feuert mich doch! Damit tut ihr mir sogar einen großen Gefallen." Damit sei klar, sagte ein anderer Trader, Amerika versinkt in einer erneuten Rezession. Mit der Wiederwahl Obamas führe kein Weg an dem wirtschaftlichen Kollaps vorbei. Der Kopf des Schwarzmalers war puterrot. Der Ausgang der Wahl sei doch krank, stöhnte ein anderer. Es gab niemanden auf dem Parkett, der sich über Mitt Romneys Wahlschlappe freute.

Der Stachel saß tief. Ein Händler schüttelte den Kopf und meinte, das sei doch wie im alten Russland. Schon Stalin habe gesagt, es geht nicht darum, was die Leute wählen, sondern wie am Ende die Stimmen ausgezählt werden. Wie ein Kommunist oder wohl eher wie ein Despot hätte Barack Obama seine Mehrheit bekommen. Das hat gesessen. Die Demokraten hätten demnach also das Ergebnis gefälscht?

Die ganze Aufregung wird sich schnell wieder legen. Denn eigentlich ist ja nichts passiert. Das Land stehe immer noch da, wo es sich bereits vor dem 6. November befunden habe, merkte Alan an, der seit rund 30 Jahren auf dem Parkett arbeitet. Doch viele seiner Kollegen fürchten höhere Steuern. Obama könnte die Kapitalertragsteuern erhöhen. Deshalb strichen Investoren am Mittwoch massenhaft Gewinn bei dem Börsenliebling Apple  ein. Oder Multikonzerne könnten verstärkt zur Kasse gebeten werden. Das zum Beispiel drückte den Kurs von General Electric .

Auch Corporate America zeigte sich als schlechter Verlierer. Keine zwölf Stunden nach Obamas Wahlsieg kündigte der Rüstungskonzern und Flugzeugbauer Boeing Ausgabenkürzungen und Massenentlassungen an. Der Dow Jones verbuchte den schlechtesten Tag des Jahres. Das ätzende Wall-Street-Insider-Blog Zerohedge twitterte dazu kühl: "Lieber Barack, das heute war eine freundliche Erinnerung, wer das Land wirklich lenkt. Mit besten Grüßen - die Wall Street."

  • Aus der FTD vom 09.11.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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