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Merken   Drucken   23.05.2012, 14:18 Schriftgröße: AAA

Zahlungsverzug: Wenn Firmen Rechnungen nicht zahlen

Die Euro-Krise beeinträchtigt die Zahlungsmoral von Firmen. Das hat Auswirkungen auf deren Geschäftspartner: Jeder Tag Zahlungsverzug mindert die Liquidität des Gläubigers. Immerhin bleibt Zahlungsverzug nicht unbeobachtet.
von Anne-Christin Gröger und Katrin Berkenkopf

Langsam macht sich die Euro-Krise in Deutschland doch bemerkbar. Sie nagt an einer Tugend: der Pünktlichkeit. Firmen lassen sich zunehmend Zeit damit, ihre Rechnungen zu begleichen. "Der Zahlungseingang hat sich im vergangenen halben Jahr nach hinten verschoben", berichtet Carlo Ries, Geschäftsführer beim Makler Südvers Kredit. Mussten Firmen vor einem halben Jahr noch zehn Tage nach dem vereinbarten Zahlungsziel darauf warten, dass Abnehmer ihre Forderungen beglichen, sind es jetzt bereits zwölf, sagt er.

Bezahlt ein Kunde seine Rechnungen nicht pünktlich, kann das im schlimmsten Fall zur Pleite des Lieferanten führen. Und auch hier sind die Aussichten nicht rosig. Nach zwei Jahren rückläufiger Insolvenzzahlen rechnet der Kreditversicherer Atradius in seinem jüngsten wirtschaftlichen Ausblick damit, dass 2012 die Zahl der Firmenzusammenbrüche hierzulande um fünf Prozent steigen wird. Wesentlich pessimistischer schätzt er allerdings die Lage der südeuropäischen Nachbarn ein: In Italien, warnt der Kreditversicherer, wird sich die Zahl der Unternehmensinsolvenzen 2012 um zehn Prozent erhöhen, in Griechenland sogar um 15 Prozent.

Verzug steigert Insolvenzrisiko

Geld wechselt den Besitzer   Geld wechselt den Besitzer

Noch größere Probleme haben Firmen, die ins europäische Ausland exportieren. Laut Zahlungsmoralbarometer von Atradius werden 37 Prozent aller Exportforderungen nicht rechtzeitig beglichen. Am längsten dauert es bei griechischen Firmen, nämlich durchschnittlich 92 Tage, Spanien liegt mit 87 Tagen auf Platz zwei.

Firmen können sich mit Policen von Kreditversicherern wie Atradius, Euler Hermes, Coface oder R+V davor schützen, dass ein Geschäftspartner seine Rechnungen nicht mehr zahlen kann, weil er Pleite gegangen ist. Da das Insolvenzrisiko eines Unternehmens maßgeblich von der Zahlungsmoral seiner Kunden abhängig ist, untersucht Atradius regelmäßig, ob Unternehmen ihre Rechnungen rechtzeitig begleichen.

Branche allein zählt nicht mehr

Früher haben Kreditversicherer, Banken und Auskunfteien sich bei der Risikobewertung einzelner Unternehmen vor allem darauf gestützt, aus welcher Branche ein Abnehmer kam. Die Automobilbranche galt zeitweise als schlechter Kunde, genauso das Textilgewerbe.

Solche Aussagen zu besonders zahlungsunwilligen Industriezweigen könne man heutzutage jedoch kaum noch machen, sagt Makler Ries. "Es kommt auf das einzelne Unternehmen an und darauf, wie es wirtschaftlich aufgestellt ist", erklärt er. "Es gibt auch sehr liquide Firmen in Griechenland." Vorsichtig geworden sind die Kreditversicherer allenfalls bei der Absicherung von Lieferungen an deutsche Solarunternehmen, denn in dieser Branche hat es in der vergangenen Zeit zahlreiche Insolvenzen gegeben.

Branchencode erleichtert den Überblick

Die Auskunftei D&B Deutschland hält an der Bedeutung von Brancheninformationen fest. "Natürlich wäre es falsch, nur aufgrund der Branchenzugehörigkeit eines Unternehmens zu entscheiden. "Aber der Branchencode ist ein Puzzleteil", sagt Sven Sartorius, Manager Consulting bei D&B. Beim Blick auf die Zahlungsmoral etwa zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Branchen. Auch die Konjunkturanfälligkeit einer Branche lässt sich an der Zahlungsmoral ablesen: Während der Durchschnittswert für rechtzeitige Rechnungsbegleichung über alle Branchen im April 2011 und April 2012 fast identisch war, stieg der Wert für das Transport- und Logistikgewerbe in diesem Zeitraum von 82,8 Prozent auf 85,8 Prozent. Das heißt, dass nicht mehr nur 82,8 Prozent, sondern 85,8 Prozent aller Transport- und Logistikfirmen ihre Rechnungen pünktlich beglichen.

Derartige Informationen seien fürs Liquiditätsmanagement enorm wichtig, sagt Sartorius. "Wir haben aktuellste Informationen darüber, wie schnell Unternehmen ihre Rechnungen zahlen. Solche Daten und auch ihre eigenen Erfahrungen sollten Firmen einfach stärker nutzen."

Skonto und Abschläge

Mittlerweile sei eine ganze Branche von Spezialsoftwareanbietern für die automatische Verarbeitung solcher Informationen entstanden. Das erleichtere es Unternehmen, den Überblick zu gewinnen und etwa rechtzeitig zu erkennen, dass ein erhöhtes Risiko für Zahlungsausfälle besteht, weil viele Kunden zu einer Problembranche gehören.

Viele Firmen versuchen, die Zahlungsbereitschaft ihrer Kunden mit Skonto zu erhöhen. Dabei gewähren sie einen Preisnachlass, wenn die Rechnung innerhalb eines bestimmten Zeitraums beglichen ist. "Für das Unternehmen ist das eine günstigere Variante als der Lieferantenkredit, der Bilanzen und Erträge belastet", sagt Rudolf Servatius, Leiter Banken und Kreditversicherung bei der R+V. Eine andere Möglichkeit bieten so genannte Abschlagszahlungen. Hersteller und Abnehmer verabreden dabei, dass ein Teil der Rechnung bereits nach einer ersten Teillieferung bezahlt werden soll. "Wenn es dann schon Probleme gibt, kann die Firma die Lieferung unterbrechen und bleibt nur auf einem geringen Teil der Rechnung sitzen", sagt Servatius.

  • FTD.de, 23.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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