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Merken   Drucken   02.10.2010, 08:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Islands Rächer der Krisenopfer

Der Bankencrash brachte den Inselstaat an den Rand des Bankrotts. Ein einfacher Provinzstaatsanwalt soll nun die Schuldigen für den reihenweisen Kollaps isländischer Banken vor Gericht bringen. Haukson könnte es schaffen - dank seiner schillernden Mentorin. von Claus Hecking  Reykjavik
Wenn Olafur Thor Hauksson durchs Bürofenster blickt, sieht er auf das Mahnmal des isländischen Größenwahns. Wie ein Stachel bohrt sich der schwarze Tower in den Himmel über Reykjavik, gut 20 Etagen hoch und voller Leere. Ein Hamburger-Restaurant hat sich im Parterre eingemietet, darüber fast niemand. Rund um den Turm sollte das größte, schönste, innovativste Finanzzentrum der nordischen Welt entstehen. Dann kam der Crash. Zwei Jahre später sind die Bauherren fast so pleite wie Islands drei Großbanken. Nur wenige Menschen verirren sich zwischen die dunklen Bürokomplexe. Die Reykjaviker haben der Möchtegern-Wall-Street einen neuen Spitznamen verpasst: Boulevard der zerbrochenen Träume.
"Es ist schon ein ziemlicher Schlamassel", sagt Hauksson. Das weiß wohl niemand so gut wie er. Denn der Mittvierziger ist Islands Sonderermittler für die Bankenpleite. Er soll sein Land aus diesem Schlamassel herausholen, in den es im Herbst 2008 mit dem Crash der drei "Viking Raiders" geraten ist.
Jetzt will das Volk die Finanzoligarchen vor Gericht sehen: Sigurdur Einarsson, Jon Asgeir Johannesson und Björgolfur Thor Björgolfsson - die Männer hinter Kaupthing, Glitnir und Landsbanki/Icesave. Zwei Jahre ist es her, da erklärten sich alle drei Institute innerhalb von zwei Wochen für zahlungsunfähig - und bescherten ihrer Nation den Beinahebankrott. Zehntausende Menschen verloren Ersparnisse und Arbeit, sind bis heute hoffnungslos überschuldet.
Als Hauksson im Winter 2008 berufen wurde, um die Ermittlungen gegen die Bankmanager zu leiten, qualifizierte ihn wenig für diese Aufgabe. Bis dahin war er als Staatsanwalt im 6500-Seelen-Nest Akranes für allen möglichen Kram zuständig - nur nicht für Wirtschaftskriminalität.
Staatsanwalt Olafur Thor Hauksson   Staatsanwalt Olafur Thor Hauksson
Die großen drei vor Gericht bringen? Hauksson schüttelt den Kopf. "Meine Aufgabe ist es, Fälle zu lösen", sagt er dann langsam und nestelt an seiner zu kurzen Krawatte. "Es geht nicht um einzelne Personen." Er sucht nach Worten, sein Englisch ist holprig. "Sheriff von Akranes" nannten ihn die Zeitungen bei seiner Berufung, weil Hauksson bis dato gegen Falschparker und Raser ermittelt hatte, nie aber gegen Finanzjongleure. In Comedy-Shows haben sie sich lustig gemacht über den etwas behäbigen Familienvater mit gutmütigem Gesicht, der den Posten vor allem aus einem Grund bekam: Er war der einzige Bewerber.
Niemand außer Hauksson wollte sich damals anlegen mit den Tycoons. Zu sehr hatten die Isländer die drei Männer bewundert, die von der 317.000-Einwohner-Insel auszogen, um die Welt zu erobern: der eloquente Mathematiker Einarsson, der mit der früheren Bauernbank Kaupthing das Geld renditehungriger deutscher Kleinanleger einsammelte, es weiterverlieh an arabische Spekulanten, die damit wieder Kaupthing-Anteile erwarben. Der smarten Björgolfsson, der mit Landsbanki/Icesave den Pharmakonzern Actavis aufkaufte und sich als Hobby den englischen Premier-League-Fußballklub West Ham United zulegte. Schließlich der schillernde Johannesson, der aus dem Nichts Islands größte Supermarktkette Bonus aufbaute und bei Londoner High-Street-Institutionen wie Debenhams, Oasis oder House of Fraser einstieg - mit Milliardenkrediten der Bank Glitnir, deren Haupteigner er selbst war.

Teil 2: Notkredite wenden Staatsbankrott ab

  • Aus der FTD vom 02.10.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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