Herr Harms, macht Ihnen der Job noch Spaß?
Harms: Das tut er. Worauf wollen Sie hinaus?
In einer wachstumsschwachen Welt voller Risiken brauchen Anleger eigentlich nur Gold, Immobilien und Festgeld. Investmentberater wie Sie sind da doch überflüssig, oder nicht?
Harms: Da liegen Sie falsch. Anlagekapital ausgewogen zu streuen ist heute herausfordernder als beispielsweise in der Spätphase der 90er-Jahre. Aktien- und Anleihemärkte kannten nur eine Richtung: nach oben. Kaufen, vier Monate warten, gutes Geld verdienen - so simpel war das oft. Expertenrat brauchte man nicht. Heute ist die Welt voller Unwägbarkeiten.
Neben der Euro-Staatsschuldenkrise bereitet deutschen Anlegern die Furcht vor hoher Inflation schlaflose Nächte - zu Recht?
Harms: Nein. Teuerung ist vorerst kein Thema. Der weltweite Überschuss an Liquidität ist zwar ein latenter Preistreiber. Aus mehreren Gründen kommt das nicht zum Tragen.
Wieso nicht?
Harms: Erstens gibt es ein weltweites Überangebot an Arbeitskräften. Deutsche Firmen stehen heute nicht mehr nur in einem europäischen, sondern in einem globalen Wettbewerb. Extreme Lohnforderungen, die den Preisen in früheren Phasen stark einheizten, sind passé. Zweitens stellen die Unternehmen in den Industriestaaten und selbst in einigen Schwellenländern konjunkturbedingt deutlich weniger Waren her, als ihre Fertigungskapazitäten erlauben.
Zurzeit sind Investoren gegenüber Aktien extrem misstrauisch - eine ideale Einstiegsgelegenheit für Mutige?
Harms: Im Grunde schon. Die sichere Zinsseite früherer Jahre ist leer gefegt. Es gibt erstklassige Papiere öffentlicher Schuldner, die nach Abzug von Inflation das Vermögen aufzehren. Selbst "AAA"-Anleihen angesehener Industriekonzerne bringen im Durchschnitt weniger als zwei Prozent. Riskantere Hochzins- oder Schwellenlandanleihen kommen wegen der strengen Anlagerichtlinien für professionelle Anleger meistens nicht infrage. An der Börse gibt es dagegen eine Menge günstiger Gelegenheiten.
Zum Beispiel?
Harms: Die Aktien solide finanzierter Großkonzerne sind global im Schnitt mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,3 bewertet. Das heißt, oft wird nur der Eigenkapitalwert bezahlt. Patente, Markennamen und Wachstumspotenziale gibt es quasi gratis obendrauf. Auch innovative Unternehmen wie BASF oder Henkel bieten Chancen.
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Klingt wie ein Paradies für Übernahmejäger.
Harms: So ist es, vor allem im Mittelstand. Nehmen Sie nur ein paar aktuelle Fälle: Fresenius greift nach Rhön-Klinikum, der Drogeriemarktbetreiber Müller buhlt um Douglas, Linde will sich mit dem Sauerstoffgerätehersteller Lincare in den USA verstärken. Firmen können Kunden, Forschungskapazitäten, Produktideen und Marktpotenziale zu attraktiven Preisen dazukaufen. Ich rechne damit, dass das globale Fusions- und Übernahmegeschäft Fahrt aufnimmt.
Ein Argument mehr für steigende Kurse?
Harms: Ja, aber wegen der politischen Störfeuer und der Rezession in Europa bleiben die Potenziale begrenzt. Ich will nicht ausschließen, dass der DAX kraftvoll ins Schlussquartal startet. Es wäre dennoch leichtsinnig, jetzt voll in Aktien zu gehen.
Was raten Sie stattdessen?
Harms: Investieren Sie in Ihren Weinkeller.
Wie meinen Sie denn das?
Harms: Abseits aller tagesaktuellen Diskussionen gibt es ein Bündel langfristig stabiler Trends. Aktien, die solche mehrjährigen Entwicklungen abdecken, werden vielleicht nicht binnen sechs Monaten im Plus liegen. Aber wer sie ein paar Jahre ruhen lässt, hat eine ansehnliche Rendite zusammen - das Weinkellerprinzip eben.
Geht es etwas konkreter?
Harms: Zu den Megatrends zählen neben der Überalterung der Bevölkerung auch Themen wie Globalisierung, Gesundheit, Ernährung, der verantwortungsvolle Umgang mit den knappen Ressourcen unseres Planeten und der Aufstieg vieler Schwellenländer in Lateinamerika und Asien, der auch die Aktienkurse in Europa beflügelt.
Wie denn das?
Harms: Gemessen an der Wirtschaftsschwäche in Europa müssten beispielsweise deutsche oder französische Aktien viel tiefer stehen. Schließlich ist die Euro-Zone immer noch der bedeutendste Auslandsmarkt für die Industriekonzerne der beiden Volkswirtschaften. Doch Investoren denken um und achten verstärkt darauf, was in wachstumsstarken Weltregionen wirtschaftlich passiert und welche Unternehmen mit von der Partie sind. Französische Konzerne wie der Nahrungsmittelhersteller Danone oder der Kosmetikkonzern L'Oréal sind in Asien stark präsent. Fresenius sitzt zwar in Bad Homburg, ist aber vom Geschäftsschwerpunkt her ein erfolgreicher Zulieferer für amerikanische Kliniken.
Wo wir schon mal in den USA sind: Im bisherigen Jahresverlauf zeigt sich die Wall Street in erstaunlich guter Verfassung. Werden US-Aktien ihren Performancevorsprung gegenüber Europa bis Silvester noch ausbauen?
Harms: Ja. Der US-Arbeitsmarkt hat sich erholt. Insbesondere im Dienstleistungsgewerbe wurden Millionen neuer Jobs geschaffen, was auch dem Konsum guttut. Für die beginnende Quartalssaison rechnen Analysten damit, dass die S&P-500-Mitglieder ihre Gewinne im Vorjahresvergleich um 13 Prozent steigern können. Die Chance, dass erneut zwei Drittel der Firmen die Erwartungen übererfüllen, ist groß.
Welche Regionen sind außerdem spannend?
Harms: In Asien gefällt mir außer China beispielsweise Südkorea. Die Meldungen zum Auftragseingang in der Industrie waren ermutigend. Ein spannendes Thema ist neben der Türkei, die eine Brückenfunktion in Europa hat, auch Mexiko. Der alte und neue Staatspräsident hat es in der Hand, mit Korruption und Drogenkriegen Schluss zu machen. Ausländisches Investmentkapital, das vor vielen Jahren aus Mexiko abgeflossen ist, könnte zurückkehren. Erst recht, weil südamerikanische Länder wie Venezuela oder Argentinien mit ihren Reverstaatlichungen das Rad der Geschichte offenbar zurückdrehen wollen. Vorerst bleibt aber Brasilien unser Favorit in Lateinamerika. Viele Direktinvestments fließen dorthin, und die Wirtschaft ist vor allem im Dienstleistungssektor stark.