Das Derivaterisiko für Banken weltweit ist im zweiten Halbjahr 2008 deutlich gewachsen. Der Bruttowert aller ausstehenden, außerbörslich gehandelten Finanzkontrakte kletterte gegenüber der Vorperiode um 66,5 Prozent auf 33.900 Mrd. $. Die dadurch entstandene Ausfallgefahr ("Gross Credit Exposure") stieg um knapp 30 Prozent auf 5000 Mrd. $, teilte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) am Montagabend in einer Studie mit. Gleichzeitig verteilt sich das Risiko auf weniger Banken. "Die Konzentration stieg leicht in allen Märkten", hieß es in dem Bericht.
Das Ergebnis der Analyse überrascht. Im Zuge der Kreditkrise schraubten die Banken ihr Engagement bei Derivaten zurück, um das Kontrahentenrisiko zu verringern. Auslöser dafür war der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Die Studie zeigt jetzt aber, dass aufgrund großer Preisbewegungen das tatsächliche Risiko - gemessen am Bruttowert der Kontrakte, der letztlich die Forderungen an eine Gegenpartei beziffert - für die Finanzinstitute stieg. Allerdings ist nicht klar, wie sich der Markt seit Januar 2009 entwickelte.
Die BIZ-Statistik spiegelt die Bemühungen der Banken wider, ihre Positionen einzudampfen. Das Bruttovolumen an ausstehenden Derivatepositionen ging im zweiten Halbjahr 2008 zum ersten Mal seit Beginn der Datenaufzeichnung 1998 zurück. Konkret schrumpfte das Volumen um 13,4 Prozent auf 592.000 Mrd. $.
Davon betroffen waren Kreditderivate ("Credit Default Swaps", CDS), bei denen die Gesamtpositionen um 27 Prozent auf 41.900 Mrd. $ zurückgingen. Auch bei Derivaten auf Zinsen (minus 8,6 Prozent auf 418.700 Mrd. $), Währungen (minus 21 Prozent auf 49.800 Mrd. $), Rohstoffen (minus 66,5 Prozent auf 4400 Mrd. $) und Aktien (minus 36,2 Prozent auf 6500 Mrd. $) war das der Fall.
Ein Grund für den Rückgang des Volumens ist, dass Kontrakte vom Markt genommen werden, die sich gegenseitig aufheben. Das passiert, wenn eine Bank eine andere gegen den Ausfall eines bestimmten Unternehmens versichert, sich aber zugleich bei einer dritten Bank genau dagegen selbst absichert. Allein der Abwickler Trioptima nahm im ersten Quartal redundante Kontrakte für 5500 Mrd. $ vom Markt.
Dass das Risiko trotz der geringeren Volumina stieg, dürfte einige Marktteilnehmer beunruhigen. Besonders Kreditderivate werden als gefährlich angesehen. Starinvestor Warren Buffett bezeichnete sie einst als "Massenvernichtungswaffen" der Finanzmärkte. Ereignisse wie der Lehman-Kollaps hätten gezeigt, wie anfällig der Markt für die Schocks ist, die entstehen, wenn ein wichtiger Akteur ausfällt, argumentieren sie und sprechen sich für eine scharfe Regulierung aus.
CDS-Kontrakte sind eine Art Versicherung für Anleihen. Dabei übernimmt ein Marktteilnehmer, häufig eine Bank, den Part des Versicherers. Gegen eine Gebühr verpflichtet sich der Versicherer zu zahlen, wenn eine Anleihe ausfällt. Investoren, die den Schutz kaufen, müssen dann einen Bond der Pleitefirma liefern und erhalten dafür die Versicherungssumme. Der Versicherer hofft, noch im Insolvenzverfahren etwas zu erhalten. Die Kontrakte werden auch für gezielte Spekulationen auf die Bonität von Unternehmen genutzt.
Teil 2: USA und Europa arbeiten an Regulierung