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Merken   Drucken   15.04.2011, 14:53 Schriftgröße: AAA

Euro-Krise: Das Für und Wider eines griechischen Schuldenschnitts

Die Regierung in Athen schließt eine Umschuldung kategorisch aus. Viele Marktbeobachter halten sie dennoch für unausweichlich. Eine Analyse der wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente.
© Bild: 2010 AFP
Die Regierung in Athen schließt eine Umschuldung kategorisch aus. Viele Marktbeobachter halten sie dennoch für unausweichlich. Eine Analyse der wichtigsten Pro- und Kontra-Argumente. von Barbara Schäder  Frankfurt
Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou versucht, die Märkte zu beruhigen. Sein Land werde seine Schulden zurückzahlen, versicherte der sozialistische Regierungschef am Freitag in einer vom Fernsehen übertragenen Kabinettssitzung: "Die Probleme Griechenlands können nicht durch eine Umstrukturierung seiner Schulden gelöst werden, sondern nur durch eine Umstrukturierung des Landes." Von 2012 bis 2015 sollten 23 Mrd. Euro eingespart werden. Das entspricht zehn Prozent der Wirtschaftsleistung.
Zudem beschloss die Regierung die Privatisierung von Staatseigentum: Bis 2015 sollen beispielsweise die Aktienbestände bei dem Versorger PPC, der Deutsche-Telekom -Tochter OTE oder der ATE-Bank reduziert werden. Von den Privatisierungen verspricht sich Athen Einnahmen in Höhe von 50 Mrd. Euro.
Die Risikoaufschläge auf griechische Staatsanleihen hatten am Donnerstag einen Rekord erreicht, weil Inhaber der Papiere um ihr Geld fürchten. Trotz des 110 Mrd. Euro schweren Rettungspakets der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) wachsen die Zweifel, ob die Anleihegläubiger ihr Geld zurückbekommen.
Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) schätzt das Risiko einer Umschuldung auf 30 Prozent. Sollte es so weit kommen, müssten Anleihe-Gläubiger voraussichtlich auf 50 bis 70 Prozent ihres Investments verzichten, sagte der für Länderratings zuständige S&P-Manager Moritz Krämer am Donnerstag der Nachrichtenagentur Bloomberg. FTD.de gibt einen Überblick über die Debatte.
Eine Umstrukturierung der griechischen Schulden hieße, dass die Gläubiger des Landes ihr Geld später oder nicht vollständig zurückbekommen. Nach FTD-Informationen wird ein solches Szenario selbst in der Euro-Gruppe nicht mehr ausgeschlossen. Hintergrund sind Zweifel, dass Griechenland wie ursprünglich erhofft im Laufe des Jahres 2012 an den Anleihemarkt zurückkehren und sich so teilweise selbst finanzieren kann.
Infografik - So flüssig sind die Euro-Länder   Infografik - So flüssig sind die Euro-Länder
Der Staat würde dann zusätzlich zum laufenden Hilfsprogramm von EU und IWF weitere Kredite der Euro-Partner benötigen. Da eine Aufstockung des Rettungspakets aber auf Widerstand stoßen dürfte, müsse über Alternativen nachgedacht werden, sagte ein Berater eines EU-Regierungschefs Anfang April der FTD.
Denkbar wäre beispielsweise eine Verlängerung der Laufzeiten griechischer Anleihen. Die Inhaber von Papieren, die etwa 2012 fällig werden, bekämen ihr Geld dann erst später zurück. Möglich wäre auch, dass die Gläubiger von Papieren mit längeren Laufzeiten auf Zinszahlungen verzichten müssen. Der Extremfall wäre ein Schuldenschnitt - die Investoren bekämen dann die Summe, die sie Griechenland geliehen haben, nicht vollständig zurück.
Das im Frühjahr 2010 aufgelegte Hilfspaket für Griechenland ist auf drei Jahre befristet. Die letzten Notkredite werden also 2013 fließen. Sie waren als Überbrückungshilfe gedacht: Griechenland hatte nach Offenbarung geschönter Haushaltsstatistiken Ende 2009 seine Glaubwürdigkeit verloren und erhielt auf den Finanzmärkten nur noch gegen sehr hohe Zinsen frisches Geld. Die Notkredite von EU und IWF sollten der Regierung in Athen Luft verschaffen, mit einem harten Sparprogramm ihre Staatsfinanzen aufzubessern und damit Vertrauen zurückzugewinnen.
Seither sind im Handel mit bereits ausgegebenen griechischen Staatsanleihen, dem sogenannten Sekundärmarkt, die Zinsen aber beständig gestiegen. Für Investitionen in Zehnjahrespapiere forderten Anleger am Freitag eine Rendite von 13,3 Prozent, für Zweijahrespapiere sogar 17,9 Prozent. Das zeigt, dass die Nachfrage nach den Papieren sinkt, denn steigende Renditen gehen bei Anleihen mit fallenden Kursen einher.
Sollte Athen wie geplant im kommenden Jahr neue Anleihen begeben, müsste die Regierung mit noch höheren Zinsen rechnen als zum Zeitpunkt ihres Hilferufs vor einem Jahr. Damit steigt die Gefahr, dass Griechenland seine Altschulden nicht mehr bedienen kann.
Zweifel an Sinnhaftigkeit des Sparkurses
Die französische Bank Société Générale hält es deshalb für unausweichlich, dass Anleihe-Gläubiger auf einen Teil ihres Investments verzichten müssen. Zwar sei denkbar, dass Griechenland stattdessen zunächst nur um eine Verlängerung der Rückzahlungsfristen bitten werde. "Das wird aber nicht ausreichen, um die Solvenz wieder herzustellen, und würde das Unvermeidbare nur hinauszögern", schreibt der Analyst Vladimir Pillonca.
Der Sparkurs löste in Griechenland heftige Proteste aus   Der Sparkurs löste in Griechenland heftige Proteste aus
Die am Freitag angekündigte Verschärfung des Sparprogramms ändert daran nach Einschätzung Pilloncas nichts. Schon in den vergangenen Monaten hätten die Kürzungen das Wirtschaftswachstum gedämpft und dazu geführt, dass die griechischen Steuereinnahmen weitaus geringer ausfielen als von EU und IWF prognostiziert.
Pillonca zweifelt deshalb an der Einschätzung des IWF, dass die griechische Staatsschuldenquote auf maximal 160 Prozent steigt und ab 2013 zurückgeht. Nach seiner Einschätzung wird sie bis 2014 weiter anschwellen - unter diesen Voraussetzungen wäre eine Rückkehr an die Finanzmärkte sehr schwierig.
Eine Umschuldung hätte für Griechenland den Vorteil, dass der Staat nicht mehr ganz so hart sparen müsste. Zudem würde der EU die Debatte über neue Notkredite erleichtert, wenn für die Kosten der Schuldenkrise auch private Investoren aufkommen müssten. Schließlich haben viele Anleihe-Gläubiger wegen der hohen Zinsen auf griechische Staatsanleihen an der Krise gut verdient.
Finanzminister Schäuble schließt eine freiwillige Umschuldung ...   Finanzminister Schäuble schließt eine freiwillige Umschuldung nicht aus
Für Staatsanleihen, die ab Mitte 2013 herausgegeben werden, plant die EU eine solche Gläubigerhaftung. Bis dahin wäre eine Umschuldung aber nur möglich, wenn die Inhaber von Staatsanleihen freiwillig auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichteten, sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) diese Woche in einem Interview der "Welt". Hintergrund sind Befürchtungen, eine erzwungene Umstrukturierung werde neue Turbulenzen auf den Finanzmärkten auslösen.
Eine freiwilliger Schuldenverzicht könnte beispielsweise so aussehen, dass Griechenland Anleihe-Gläubigern anbietet, die von ihnen gehaltenen Papiere vorzeitig zum aktuellen Marktwert zurückzukaufen. Griechenland würde dadurch Geld sparen, weil der Marktwert der Anleihen deutlich unter dem Ausgabekurs liegt. Gläubiger, die das Angebot annehmen, würden damit auf einen Teil ihrer Ansprüche verzichten. Dafür bekämen sie ihr Geld früher zurück und hätten die Sicherheit, dass ihr Investment nicht doch noch wegen einer Staatspleite komplett verfällt.
EU-Währungskommissar Olli Rehn warnte am Donnerstag vor einer "Kettenreaktion", sollte Griechenland seine Anleihen nicht komplett zurückzahlen. Der Hintergrund: Staatsanleihen werden vor allem von Banken und Versicherungen gehalten, die bei einer Umschuldung schwere Verluste hinnehmen müssten.
EZB-Direktoriumsmitglied Bini Smaghi warnt vor einer Umschuldung   EZB-Direktoriumsmitglied Bini Smaghi warnt vor einer Umschuldung
Ein griechischer Schuldenschnitt würde am härtesten die Finanzbranche in Griechenland selbst treffen, die wegen der Rezession schon jetzt angeschlagen ist. "Die schwerwiegendsten Auswirkungen eines Zahlungsausfall träfen das Land, das diesen erlebt", warnte EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi in einem Interview der italienischen Zeitung "Il Sole 24 Ore". "Eine Umschuldung würde zu einem Zusammenbruch eines großen Teils des griechischen Bankensystems führen."
Aber auch Banken und Versicherungen in anderen Ländern wären betroffen. Nach Einschätzung der Citigroup liegen rund 60 Prozent der insgesamt 263 Mrd. Euro an ausstehenden griechischen Staatsanleihen in den Händen ausländischer Investoren. Die Forderungen deutscher Kreditinstitute an die öffentliche Hand in Griechenland beliefen sich laut Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) im dritten Quartal 2010 auf 26 Mrd. Dollar. Einen Teil davon müssten sie im Falle einer Umschuldung abschreiben.
Vor allem die Versicherer fürchten einen Schuldenschnitt
Die deutschen Versicherer warnen schon seit Wochen vor einem Schuldenschnitt. Ihre Hauptsorge ist nicht der Wertverlust der griechischen Anleihen, sondern der Effekt, den ein solcher Schritt auf Papiere anderer hoch verschuldeter Länder hätte. Sollte mit Griechenland ein Euro-Staat seine Schulden nicht mehr voll bedienen, würde dies Zweifel an der Rückzahlung irischer und portugiesischer Staatsanleihen bestärken - schließlich mussten auch diese beiden Länder bereits um EU-Nothilfen bitten.
Besonders fürchten die Versicherungen aber um die Folgen für Spanien und Italien. Sollten die Staatsanleihen der dritt- und viertgrößten Volkswirtschaft der Euro-Zone an Wert verlieren, würde es für die Finanzbranche schmerzhaft: Allein die Allianz  hält 28 Mrd. an italienischen Staatsanleihen. Im schlimmsten Fall könnte der Vertrauensverlust dazu führen, dass auch Spanien und Italien auf den Finanzmärkten kein Geld mehr bekommen und unter den Euro-Rettungsschirm flüchten müssen.
  • FTD.de, 15.04.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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