Vergleich der Befragungen
Bevor sie abermals die Zinsen senkt, wird die EZB die Wirkung ihrer Sondermaßnahmen zur Krisenbekämpfung genau analysieren. EZB-Präsident Mario Draghi hatte in Davos zwar gesagt, die Liquiditätsspritzen hätten in der Euro-Zone "eine bedeutende Kreditklemme und eine größere Finanzierungskrise vermieden". Allerdings räumte er ein, bislang lasse sich nicht belegen, dass die zusätzliche Liquidität die Kreditvergabe an die Industrie ankurbelt. Weitere Entscheidungskriterien für den Zinskurs der EZB sind die Euro-Konjunktur und die Inflationsentwicklung.
Eine deutliche Mehrheit von 22 der 39 Ökonomen zeigte sich in der FTD-Zinsumfrage überzeugt, dass die EZB ihren Leitzins bis April auf 0,75 Prozent senken wird, zwei glauben sogar an ein Zinsniveau von 0,5 Prozent. 25 Volkswirte gehen davon aus, dass der Zinssatz bis Februar 2013 unter dem aktuellen Satz von 1,0 Prozent liegen wird. In dieser Gruppe glauben zehn Ökonomen, dass der Leitzins binnen Jahresfrist auf 0,75 Prozent sinken wird. 15 sind sogar davon überzeugt, dass es dann nur noch 0,5 Prozent sein werden.
Käme es so weit, würde die EZB unter ihrem neuen Präsidenten Draghi mit der ungeschriebenen Regel des Vorgängers Jean-Claude Trichet brechen, unter dessen Führung die Euro-Währungshüter anders als die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) oder die Bank of England den Leitzins während der Krise nie unter 1,0 Prozent gesenkt hatten.