Die Europäische Zentralbank (EZB) wird nach Einschätzung vieler Ökonomen wegen der Konjunkturschwäche und der Schuldenkrise ihren Leitzins 2012 von 1,0 auf 0,5 Prozent halbieren. Damit rechnet gut die Hälfte der 37 Chefvolkswirte, die die FTD in ihrer monatlichen Zinsumfrage befragt hat.
Viele vermuten sogar, dass das Zinstief bereits zur Jahresmitte erreicht sein wird, um die Wirtschaft zu stützen, indem Kredite billiger werden. Für die Sitzung des EZB-Rats, der über die Geldpolitik entscheidet, an diesem Donnerstag erwarten 33 Ökonomen freilich noch keine Änderung. Nur vier glauben, dass der Zins auf 0,75 Prozent sinkt.
FTD-Zinsumfrage im Januar
Weiter als bis 0,5 Prozent wird die Notenbank den Leitzins aber nicht senken, sind sich die meisten Beobachter der Frankfurter Institution einig. Kommt es so, stehen die Währungshüter allerdings schon bald vor der Frage, mit welchen Alternativen sie die angeschlagene Wirtschaft im Euro-Raum weiter stützen können, sofern sich etwa die Schuldenkrise verschärfen sollte.
Für diesen Fall erwarten gut zwei Drittel der von der FTD befragten Volkswirte, dass die Währungshüter ähnlich wie die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) das Finanzsystem mit Geld in dreistelliger Milliardenhöhe fluten werden. "Falls eine erhebliche Eskalation der Schuldenkrise zu einer scharfen Rezession führt und die Risiken einer Deflation dadurch steigen, ist es wahrscheinlich, dass die EZB eine 'quantitative Lockerung' startet", sagt etwa Jürgen Michels, Volkswirt bei der Citigroup.
Vergleich der Befragungen
Unter quantitativer Lockerung verstehen Ökonomen die Art von Geldpolitik, die die Fed auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Frühjahr 2009 begonnen hatte. Nachdem sie ihren Leitzins auf nahe null Prozent gesenkt hatte, erwarb sie in zwei Runden für mehr als 2100 Mrd. Dollar US-Staats- sowie Immobilienanleihen. Mit der Geldflut wollte sie verhindern, dass der Konjunktureinbruch in einen dauerhaften Preisverfall, eine Deflation, mündet. Krisenbedingt sinkende Preise können dazu führen, dass Konsumenten ihre Einkäufe und Unternehmen ihre Investitionen immer wieder aufschieben, was eine Volkswirtschaft lange Zeit zu lähmen droht.
Auch im Euro-Raum dürfte die EZB Hunderte Milliarden Euro einsetzen, sofern sie der Fed nacheifert. "Die EZB würde dann Anleihen von bis zu 500 Mrd. Euro erwerben", sagt Ralf Wiedenmann vom Schweizer Bankhaus Vontobel. Diese Summe nennt auch Ulf Krauss von der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Ende 2011 hatte das scheidende EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi diese Art der Geldpolitik ins Spiel gebracht, falls sich Deflationsrisiken zeigen sollten.
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