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  28.10.2009, 10:26    

Interventionen am Devisenmarkt: Kampf gegen die Dollar-Schwäche

FAQ Der Euro steigt über 1,50 $, die Exportwirtschaft stöhnt. Doch die EZB unternimmt nichts. Dagegen sind Staaten außerhalb Europas aktiv. FTD.de zeigt, wie einzelne Länder dem Dollar helfen - und was Investoren davon halten. von Tobias Bayer  Frankfurt und Christine Mai  Frankfurt
Ein rasches Ende der Niedrigzinspolitik in den USA ist nicht in Sicht, Anleger ziehen sich aus Dollar-Anlagen zurück - der Greenback fällt und fällt. Vergangene Woche überschritt der Euro erstmals seit 14 Monaten die Schwelle von 1,50 $.
Vielen Ländern bereitet das Sorgen, da Exporte ihrer Unternehmen teurer werden, was die noch zarte Erholung der Konjunktur gefährden könnte. Einige Staaten fangen an, sich gegen die Aufwertung ihrer Währungen zu wehren. Die Reaktionen sind unterschiedlich, von Verbalinterventionen bis zu Kapitalkontrollen - auch wenn die Wirkung solcher Schritte nicht sicher ist. FTD.de gibt einen Überblick über die Gemengelage.
Viele Experten betrachten Interventionen skeptisch. So auch Benedict Clements und Herman Kamil, die in einem Arbeitspapier für den Internationalen Währungsfonds (IWF) die vor zwei Jahren in Kolumbien eingeführten Kapitalkontrollen untersuchten. "Wir finden keine Beweise dafür, dass Einschränkungen des Kapitalverkehrs die Aufwertung der kolumbianischen Währung gemildert haben", heißt es in dem Papier. Die Kontrollen hätten aber die Schwankungsanfälligkeit des Wechselkurses deutlich erhöht.
Etliche Studien deuten darauf hin, dass solche Kontrollen nicht dazu führen, dass Zuflüsse abseits ausländischer Direktinvestitionen zurückgehen. Auch Bank-of-Kanada-Chef Carney billigt Eingriffen dieser Art nur eine begrenzte Wirkung zu. "Die Geschichte hat gezeigt, dass Interventionen an sich selten langfristig wirken, wenn sie nicht durch politische Entscheidungen unterstützt werden oder durch politische Entscheidungen, die in die selbe Richtung gehen wie die Intervention."
Brasiliens Präsident Luis Inacio "Lula" Da Silva stemmt ...   Brasiliens Präsident Luis Inacio "Lula" Da Silva stemmt sich gegen den starken Real
Der brasilianische Real steht auf der Kaufliste der Investoren ganz oben. Seit Jahresbeginn legte die Währung gegenüber dem Dollar um 33,6 Prozent zu. Damit schlägt sie selbst den australischen Dollar, den neuseeländischen Dollar und die norwegische Krone, die um 30,4, 28,6 bzw. 23 Prozent zulegten. Der Grund: Investoren lieben den Carry-Trade, bei dem sie sich in Dollar verschulden und ihr Kapital im Ausland höher rentierlich anlegen.
Dass der Real überbewertet ist, lässt sich am Preis für einen Big Mac ablesen. Der Parade-Hamburger kostet in Sao Paulo derzeit 8 Real. Das entspricht 4,62 $ und stellt die Preise in New York und London in den Schatten. Dort kostet die Kalorienbombe "nur" 3,99 $ und umgerechnet 3,74 $. Der Big-Mac-Index ist ein Maß für die Kaufkraftparität - und damit ein Indikator für die Über- oder Unterbewertung einer Währung. Der Grundgedanke: Eigentlich müsste ein Big Mac in allen Ländern der Erde ungefähr gleich viel kosten.
Finanzminister Guido Mantega sorgt sich angesichts der Real-Aufwertung um die Erholung der brasilianischen Wirtschaft - und verhängte Kapitalkontrollen. Genau genommen handelt es sich um eine Steuer, die ausländische Investoren bezahlen müssen: Jeder Anleger, der brasilianische Anleihen oder Aktien kaufen will, muss zukünftig eine Abgabe von zwei Prozent entrichten. "Wir werden damit Exzesse verhindern", sagte Mantega.
Die Marktteilnehmer sind skeptisch, ob sich der Minister durchsetzt. Barclays Capital geht davon aus, dass im kommenden Jahr 40 Mrd. $ an Direktinvestitionen in das Land am Zuckerhut fließen werden. Damit wären zwei Drittel aller Netto-Kapitalzuflüsse nicht von der Steuer betroffen. "Die Steuer müsste das verbleibende Drittel beeinträchtigen. Doch warum sollte das der Fall sein? Der Großteil sind Aktien, und die Käufer werden durch einen zweiprozentigen Fall der Preise wieder kompensiert", sagte Barclays-Capital-Experte Michael Gavin, der die Hauptlast beim Verkäufer sieht. Das Fazit? "Der Real wird seinen Aufwärtstrend fortsetzen. Bewertungsfragen spielen wirklich keine Rolle", sagte Paulo Leme, Südamerika-Volkswirt bei Goldman Sachs.
In Kolumbien ist nicht die Finanzkrise das größte Problem, sondern die gewaltige Aufwertung der Landeswährung. Der Peso legte seit Jahresbeginn um bis zu 43 Prozent gegenüber dem amerikanischen Dollar zu. Das verteuert unter anderem die Kaffeeexporte. Die Lage ist ernst: Zum ersten Mal seit 1998 rutschte das Land in die Rezession.
Kolumbien stemmt sich mit mehreren Instrumenten gegen die Peso-Aufwertung. Finanzminister Ivan Zuluaga kündigte an, bis zum Jahresende keine Dollar mehr auf dem Währungsmarkt zu verkaufen. Stattdessen deutet sich an, dass die Notenbank Greenbacks kauft, ihre Währungsreserven also erhöht. Außerdem sollen die Dollar-Dividenden der staatlichen Ölgesellschaft Ecopetrol nicht mehr in die Heimatwährung umgetauscht werden. Um den Ertragsausfall zu kompensieren, sollen Peso-Anleihen begeben werden.
Experten zweifeln daran, dass der Kurs erfolgreich sein wird. In der Vergangenheit war das nicht der Fall. Zum letzten Mal errichtete das Land Kapitalverkehrskontrollen am 6. Mai 2007, nachdem zuvor Interventionen auf dem Devisenmarkt nicht geholfen hatten. Investoren aus dem Ausland, die Kapital aufnehmen wollten, mussten bei der kolumbianischen Zentralbank 40 Prozent des gewünschten Betrags hinterlegen. Oktober 2008 wurde die Vorschrift wieder abgeschafft. "Kurzzeitig stoppte das die Peso-Aufwertung. Doch der Aufwärtstrend wurde dadurch nicht gebrochen", sagte Barclays-Capital-Experte Gavin.
Die kanadische Notenbank sorgt sich um die Stärke der Landeswährung. Der Kanadische Dollar, Loonie genannt, hat in den vergangenen zwölf Monaten zum US-Dollar 22 Prozent zugelegt. Daher setzt die Zentralbank nun auf Verbalinterventionen: Vergangene Woche warnte sie, der starke Loonie belaste Exporte und werde dafür sorgen, dass die Inflation später als geplant zum Zielwert von zwei Prozent zurückkehre. Positive wirtschaftliche Entwicklungen seit Juli seien komplett zunichte gemacht worden. Der Kanadische Dollar fiel daraufhin um zwei Prozent.
Am Montag und Dienstag wiederholte die Notenbank ihre Warnungen - der Loonie sank zeitweise auf den tiefsten Stand seit fast drei Wochen. Gouverneur Mark Carney hat angekündigt, den Leitzins bis Juni 2010 auf dem Rekordtief von 0,25 Prozent zu belassen. Eine Intervention "ist aber immer eine Option". Die Zentralbank hat seit 1998 nicht mehr interveniert. Finanzminister Jim Flaherty hat zudem die Option des sogenannten Quantitative Easing ins Spiel gebracht.
Die Währung könnte auf Sicht stark bleiben: David Rosenberg, Chefökonom des Vermögensverwalters Gluskin Sheff, verweist darauf, dass sie vom Aufwärtstrend bei Rohstoffpreisen getrieben wird - und Kanada Kapitalzuflüsse "historischen Ausmaßes" verzeichnet. Allein im August hätten ausländische Investoren 5,1 Mrd. $ in kanadische Aktien- und festverzinsliche Wertpapiere gesteckt, seit Jahresanfang 67,4 Mrd. $ in kanadische Wertpapiere investiert.
Gerüchte über Interventionen spielen seit Wochen im Fall des koreanischen Won eine Rolle. Die Währung erreichte am 15. Oktober mit 1155 Won je Dollar den höchsten Stand seit September 2008. Der Grund: Ausländische Investoren begeistern sich für koreanische Aktien. Seit Jahresbeginn kauften sie sich für 21 Mrd. $ an den Börsen Seouls ein. Der Kospi-Index schoss um 47 Prozent nach oben und ließ den S&P 500, der über den selben Zeitraum nur 18 Prozent hinzu gewann, weit hinter sich.
Es könnte sein, dass die Notenbank eingreift, um die Erholung nicht zu gefährden. Im dritten Quartal wuchs die koreanische Wirtschaft zwar um 2,9 Prozent. Fraglich ist aber, ob sich der Aufwärtstrend angesichts des hohen Ölpreises und des starken Won fortsetzt: "Im vierten Quartal wird sich die Dynamik wieder verlangsamen", sagte Lee Sung Kwon, Volkswirt bei Shinhan Investment. "Die Bank of Korea wird deshalb versuchen, die Aufwertung des Won zu kontrollieren."
Medienberichte über Kapital- und Liquiditätskontrollen für Auslandsbanken blieben unbestätigt. "Das halte ich für eher unwahrscheinlich, weil es unnötigerweise das Geschäftsmodell ausländischer Banken in Frage stellen würde", sagte Barclays-Capital-Experte Gavin. "Außerdem würde das im Widerspruch zur aktuellen Politik stehen, die ausländische Direktinvestitionen begünstigt."
  • FTD.de, 28.10.2009
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