Die Ratingagenturen verdanken ihre Macht letztlich der Bedeutung, die ihren Noten von den Regulierungsbehörden selbst zugeschrieben wurde. Schon in den 1930er-Jahren legte die US-Börsenaufsicht SEC den amerikanischen Banken nahe, nur noch Papiere von Unternehmen in ihre Bücher zu nehmen, die über das Gütesiegel mindestens einer Agentur verfügten.
Auch Länderratings spielen eine wichtige Rolle, um die Risiken in den Bilanzen von Banken und Versicherungen zu bewerten. Schließlich legen die Finanzinstitute einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen an.
Ein schlechteres Rating zwingt die Banken aber nicht automatisch zu Abschreibungen. Denn die meisten Staatsanleihen werden bis zur Fälligkeit gehalten. Für sie gilt grundsätzlich die Annahme, dass der Schuldner bei Auslaufen der Anleihe den vollen Nennbetrag zurückzahlt. Wird ein Land allerdings für zahlungsunfähig erklärt, lässt sich diese Annahme nicht mehr ohne weiteres aufrecht erhalten. Spätestens wenn die Derivateexperten-Vereinigung International Swap and Derivatives Association (ISDA) sich dem Urteil der Agenturen anschließt und ein Kreditereignis feststellt, kommen die Banken um Abschreibungen nicht herum.
Außerdem verlangt die Europäische Zentralbank (EZB) für die Vergabe von Krediten an Geschäftsbanken Sicherheiten in Form von Wertpapieren, die gewisse Mindeststandards erfüllen müssen. Dazu zählt auch das Rating. In der Schuldenkrise hat die EZB zwar ihre Anforderungen deutlich gelockert: Seit Mai 2010 akzeptiert sie griechische Staatsanleihen unabhängig von deren Bonitätsnote als Sicherheit, allerdings nimmt sie hohe Abschläge auf den Nominalwert vor. Dies gilt inzwischen auch für portugiesische Bonds.
Die EZB soll unabhängiger von den Agenturen werden
Trotzdem scheut die EZB davor zurück, sich vollständig über das Urteil der Ratingagenturen hinwegzusetzen. Sollten sie Griechenland für zahlungsunfähig erklären, will die Zentralbank Hellas-Bonds nicht mehr annehmen.
Dabei werden die Papiere durch eine weitere Herabstufung der Ratingagenturen nicht riskanter, als sie bereits sind. Auf den Märkten ist ein Zahlungsausfall längst eingepreist. Das lässt sich an den Prämien für Kreditausfallderivate (CDS) ablesen: Griechische Staatsanleihen im Wert von 10 Mio. Euro ein Jahr lang gegen einen Zahlungsausfall abzusichern, kostet laut dem Finanzdatendienstleister CMA inzwischen 2,368 Mio. Euro. Da sich dieser Wert auf CDS für fünfjährige Anleihen bezieht, wäre eine Absicherung der vollen Lautzeit teurer als die Papiere selbst.
Kritiker plädieren vor diesem Hintergrund dafür, dass die EZB und andere Institutionen zumindest die Kreditwürdigkeit von Staaten unabhängig vom Urteil der Ratingagenturen bewerten sollten. Schließlich sind Daten zur Haushaltslage und zum Wirtschaftswachstum öffentlich verfügbar. Das Problem ist allerdings, dass es keine allgemeingültigen Maßstäbe für die Bewertung dieser Daten gibt. Die Entscheidungen von Institutionen wie der EZB, deren Existenz am Fortbestand des Euro abhängt, wären bei einem Verzicht auf die Ratingagenturen deshalb noch angreifbarer als jetzt schon.