Merken   Drucken   30.10.2008, 11:59 Schriftgröße: AAA

Portfolio: Aus Euphorie wird Panik  

Anleihen aus Schwellenländern haben bis zuletzt der Finanzkrise getrotzt. Doch jetzt regiert die Angst vor Zahlungsausfällen. von Olaf Wittrock
Anleihen aus Schwellenländern waren lange ein sicherer Hafen, inzwischen hat die Finanzkrise aber auch diesen Markt erwischt. Anleger mit Staats- und Unternehmensanleihen aus Asien, Osteuropa oder Südamerika mussten in den vergangenen vier Wochen Kursrückgänge von teils über 20 Prozent verkraften. Zusammen mit Währungsverlusten verloren einige Titel mehr als 30 Prozent. Selbst für ein bekanntermaßen riskantes Anleihesegment sind solche Verwerfungen beispiellos.
Die Hauptursache für den Ausverkauf: Angst. Die Nervosität hat noch zugenommen, seit in Island de facto der erste Staatsbankrott zu registrieren war. Schließlich sind viele Schwellenländer hoch verschuldet, und das geliehene Kapital haben sie meist an ihre eigene Wirtschaft weitergereicht. Fordern viele Gläubiger Geld zurück, um anderswo Schulden zu begleichen, drohen schwächeren Ländern in einer Kettenreaktion Zahlungsschwierigkeiten.
So griffen am Mittwoch der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Europäische Union mit einem Rettungspaket in Ungarn ein. Nach wochenlangen Panikverkäufen legte der Forint daraufhin 2,5 Prozent zum Euro zu, auch die tschechische Krone und der polnische Zloty verbuchten Gewinne. "Die Hilfen könnten endlich die Angst verschwinden lassen, dass es Probleme gibt, die Auslandsschulden zu begleichen", schrieben Analysten der tschechischen Bank CSOB.
Denn nicht nur Ungarn, auch der Ukraine und Kasachstan geht mittlerweile das Geld aus. Rumänien, Bulgarien, Weißrussland, Litauen und Serbien verhandeln dem Vernehmen nach mit dem IWF um Notkredite. In Russland musste der Staat bereits tief in die - immerhin gut gefüllte - Reservekasse greifen.
Argentinien will Pensionskassen verstaatlichen
In Argentinien plant die Regierung, die privaten Pensionskassen zu verstaatlichen - offensichtlich, um mit den 29 Mrd. $ aus dem Kapitalstock eigene Schulden zu tilgen. Auf dem Parkett weckte die Aktion Erinnerungen an den Staatsbankrott von 2002. Ergebnis: Eine 2033 fällige Staatsanleihe kostete zuletzt nur noch ein Viertel ihres Nennwerts (ISIN XS0205545840).
Fondsmanager, die sich aus den riskantesten Ländern zurückgezogen haben, finden anderswo kaum Alternativen. Auch Rentenspezialist Johannes Führ kann derzeit niemandem raten, in Anleihen zu flüchten. Die Fondsmanager kämpfen nicht nur mit Kursverlusten. Der Spread, die Spanne zwischen Kauf- und Verkaufskurs, hat bei vielen Titeln Höchststände erreicht.
Auch dies ist eine Folge des weltweiten Käuferstreiks: Die Ankaufkurse sanken zuletzt viel stärker als die Verkaufskurse. Fließt einem Fondsmanager Geld zu, das er in Anleihen investieren muss, geht allein durch die Wertstellung im Portfolio ein Teil des Kapitals verloren - laut Gesetz muss diese nämlich zum potenziellen Verkaufskurs erfolgen. Die Spreads kletterten teilweise weit über zehn Prozent. Die bereits erwähnte Argentinienanleihe notierte am Mittwoch bei einem Kaufkurs von 30,5 Prozent des Nennwerts, brachte im Verkauf aber nur 24 Prozent ein. Das macht über 20 Prozent Buchverlust.
Sollten sich die Märkte wieder beruhigen, verschwinden diese Differenzen zwar wieder; genauso, wenn die Rückzahlung der Anleihen ansteht. "Trotzdem kann man Kursrückgänge in dieser Größenordnung keinem Anleger zumuten", sagt Führ. Er parkt frisches Kapital auf dem Geldmarkt, solange die Turbulenzen anhalten.
Vermögensverwalter Peter Huber, der 1,6 Mrd. Euro betreut, litt auch unter den Kapriolen auf den Rentenmärkten. Er verweist auf Titel des Gazprom-Konzerns: Eine 2015 fällige Euroanleihe des russischen Gaslieferanten (XS0220790934) notierte zuletzt bei 50 Prozent des Nennwerts. Anleger, die das Papier Ende August kauften, bekommen heute nur noch die Hälfte zurück. Ähnliches passierte einer 2019 fälligen Dollar-Staatsanleihe aus Brasilien: Ihre Notierung stand Mitte September bei 125 Punkten, am Mittwoch lag sie bei 95 Punkten (US105756BE97).
Wer sich trotzdem auf den Markt wagt, wird womöglich belohnt. Geht Argentinien bis 2033 doch nicht pleite, sind Renditen von 16 Prozent pro Jahr zu holen. In Brasilien sind zehn Jahre lang neun Prozent drin - bei günstiger Währungsentwicklung noch mehr. Die Gazprom-Anleihe liefert Anlegern, die bis 2015 dabeibleiben, sogar 17 Prozent Rendite. Das Risiko lautet hier wie anderswo: Bei Insolvenz des Schuldners ist das Geld weg. "Die aktuellen Verwerfungen bieten eine Riesenchance für antizyklische Investoren", sagt Huber. "Sie können sich mit etwas Mut für viele Jahre zweistellige Renditen sichern."
  • Aus der FTD vom 30.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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