Die Aktionäre von Daimler haben im Moment wenig Freude. Nicht nur, dass Vorstandschef Dieter Zetsche sie bereits auf ein schwieriges Geschäftsjahr eingestimmt hat, er kündigte auch die Kürzung der Dividende von 2 Euro auf 60 Cent an. Ganz anders dagegen die Situation für Anleihekäufer: Seit Jahresbeginn hat der Autokonzern bereits drei Schuldverschreibungen im Volumen von 3,7 Mrd. Euro emittiert, bestückt mit attraktiven Kupons von bis zu knapp acht Prozent. Und alle wurden in einer Stückelung von 1000 Euro begeben, was sie besonders für Kleinanleger interessant macht. "Wir haben ein großes Interesse von Privatinvestoren festgestellt und darauf reagiert", sagt eine Konzernsprecherin.
Daimler ist kein Einzelfall. Auch
Siemens ,
Eon oder die
Deutsche Telekom haben 2009 wieder Anleihen begeben, die in kleine Nennwertbeträge von 1000 Euro unterteilt sind. Der Wert entspricht der kleinstmöglichen Kaufeinheit an der Börse. Die Unternehmen vollziehen damit einen Strategieschwenk. In der Vergangenheit blieben Privatanleger bei Neuemissionen oft außen vor, da die Anleihen nur in Stückelungen von 50.000 Euro angeboten wurden. "Der Trend geht nun eindeutig wieder zurück zu kleineren Einheiten", sagt Claudia Smetko von der Börse Stuttgart. Wurde 2008 nur ein Drittel aller neuen Unternehmensanleihen in kleinen Größen emittiert, so lag deren Anteil bis Anfang März bereits bei der Hälfte.
Grund für den hohen Anteil großer Stückelungen in der Vergangenheit war die EU-Prospektrichtlinie, die 2005 in Kraft trat. Sie verpflichtet den Emittenten eines Wertpapiers zu umfangreicheren Informationen im Prospekt, sofern sich das Produkt auch an Privatanleger richtet. Bei Anleihen bildet ein Nennbetrag von 50.000 Euro die kritische Grenze: Liegt die Stückelung darunter, gelten umfangreichere Informationspflichten. Bei größeren Beträgen ist das nicht der Fall, da man annimmt, dass die Papiere nur professionelle Investoren kaufen, die die Risiken kennen. Ziel der Richtlinie war es, den Anlegerschutz zu stärken, doch die Neuregelung bewirkte eher das Gegenteil. Viele Firmen scheuten den Aufwand und verzichteten fortan auf Anleihen in kleiner Stückelung.
Dass nun wieder verstärkt Privatanleger berücksichtigt werden, liegt an den gestiegenen Renditeaufschlägen. Für die Unternehmen hat sich die Fremdkapitalaufnahme seit Ausbruch der Finanzkrise deutlich verteuert. Mit kleinen Stückelungen locken sie zusätzliche Käufer an, und das senkt die Kosten. Denn bei der Emission werden Anleihen in der Regel mit einer Zeichnungsspanne angeboten; je größer die Nachfrage, desto eher liegt der Kupon am unteren Ende.
"Der Effekt spielt aber nur eine geringe Rolle", sagt Rolf Schäffer, Rentenexperte der Landesbank Baden-Württemberg. Auch ohne die Kleinanleger hätten Konzerne mit guter Bonität derzeit keine Mühe, Anleihen zu platzieren. Die Emissionen seien oft innerhalb weniger Stunden platziert. Wichtiger ist laut Schäffer der langfristige Effekt. "Privatanleger stabilisieren die Kurse." Anders als Großinvestoren würden sie die Papiere nicht bei der ersten Gelegenheit abstoßen, sondern bis zum Laufzeitende halten. Das führt zu einer geringeren Volatilität - und die nutzt dem Unternehmen. "Die Kosten für Neuemissionen orientieren sich unter anderem an den Risikoaufschlägen der laufenden Papiere", so Schäffer.
Die Einbeziehung der Privatanleger geschieht folglich auch aus Eigennutz. Missbraucht müssen sie sich aber nicht fühlen. Immerhin profitieren sie von attraktiven Renditen. Im Vergleich zu Staatsanleihen sind die Risikoprämien so hoch wie seit 60 Jahren nicht mehr.