Die Insel Großbritannien ist zum zweiten Mal seit der Finanzkrise in die Rezession gerutscht. Die seit Jahren kränkelnde Baubranche setzt dem Land schwer zu. Hinzu kommt der harte Sparkurs.
von Frank Bremser
und Barbara SchäderFrankfurt
Während Deutschland knapp an einer Rezession vorbeischrammen dürfte, hat es Großbritannien voll erwischt. Die größte EU-Volkswirtschaft außerhalb der Währungsunion schrumpfte von Januar bis März laut einer ersten Schätzung des nationalen Statistikamts um 0,2 Prozent. Bereits im vorausgegangenen Quartal war die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent zurückgegangen. Mit zwei Minusquartalen in Folge ist die Definition einer Rezession erfüllt.
"Das sind sehr, sehr enttäuschende Zahlen", sagte Premierminister David Cameron. Die Hoffnung ist dahin, die Insel würde die Krise auf dem Kontinent ohne größere Blessuren überstehen. Mehr noch: Die Aufschlüsselung der Wachstumszahlen deutet darauf hin, dass Großbritannien auch ohne Euro-Drama in schwieriges Fahrwasser geraten wäre. Ein Überblick.
Für den unerwarteten Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Quartal sind vor allem die Probleme der Baubranche verantwortlich. Ihre Wertschöpfung fiel um drei Prozent - das ist der größte Einbruch seit drei Jahren. Die Industrieproduktion gab um 0,4 Prozent nach. Dagegen steigerte der für Großbritannien besonders wichtige Dienstleistungssektor seinen Output um 0,1 Prozent.
Nur die Preise für Londoner Luxusvillen steigen
Offensichtlich hat Großbritannien die Folgen der 2008 ausgebrochenen Immobilienkrise noch nicht überwunden. Nach jahrelangem Boom platzte damals eine Blase: Für die teuren Häuser und Wohnungen fanden sich nicht mehr genug Käufer. Nach einer leichten Erholung 2010 brachen die Preise im vergangenen Jahr erneut ein: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus kostete 2011 mit 245.000 Pfund rund zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Inflationsbereinigt ergibt sich sogar ein Minus von sieben Prozent.
Belastet wird die Branche unter anderem durch die hohe Arbeitslosenquote von 8,3 Prozent. Hinzu kommen Kürzungen bei den öffentlichen Investitionen infolge des harten Sparkurses.
Exporte in die EU zuletzt wieder gestiegen
Die Krise in der Euro-Zone hatte Ende vergangenen Jahres dazu geführt, dass die britischen Exporte in die EU deutlich zurückgingen. Seither haben sie sich laut Zahlen der Zollverwaltung aber wieder erholt, im Februar lag der Wert der ausgeführten Waren um acht Prozent über dem Vorjahresniveau. Mit der Schuldenkrise allein lässt sich der neuerliche Rückgang der Industrieproduktion also nicht erklären.
Das Logo der verstaatlichten Royal Bank of Scotland
Als problematisch hat sich in Großbritannien in den vergangenen Jahren die Fixierung auf den Finanzsektor erwiesen. Im Mutterland der Industrialisierung liegt der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung laut dem europäischen Statistikamt Eurostat bei rund 15 Prozent. In Deutschland sind es 24 Prozent.
Finanzdienstleistungen steuern gut ein Drittel zur britischen Wirtschaftsleistung bei, ihr Anteil liegt damit nur wenig höher als in Deutschland. Allerdings ist die akkumulierten Bilanzsumme der britischen Banken fast fünfmal so groß wie das BIP, in Deutschland liegt das Verhältnis bei drei zu eins.
Mit der Royal Bank of Scotland (RBS) und Lloyds mussten in der Finanzkrise zwei der größten Geldhäuser vom Steuerzahler gestützt werden.
Die Kosten der Banken-Rettung trugen dazu bei, dass das britische Haushaltsdefizit 2009 auf mehr als elf Prozent des BIP anschwoll. Im vergangenen Jahr drückte London die Neuverschuldung auf 8,3 Prozent. Einschließlich der Altlasten stiegen die Staatsschulden auf 86 Prozent des BIP.
Der britische Finanzminister George Osborne mit der 150 Jahre alten "budget box" des früheren Premierministers William Gladstone
Die Ratingagenturen Moody's und Fitch stellen deshalb die Spitzenbonitätsnote Großbritanniens in Frage. Sie senkten den Ausblick für das Triple-A-Rating vor einigen Wochen von "stabil" auf "negativ". Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit einer Herabstufung binnen zwei Jahren über 50 Prozent liegt. Angesichts der hohen Staatsverschuldung verfüge London nur noch über einen "begrenzten finanzpolitischen Spielraum zum Abfangen weiterer wirtschaftlicher Schocks", warnte Fitch.
"Der hohe Schuldenstand des Vereinigten Königreichs gehört zu den größten unter den "Aaa"-Staaten der Welt", schrieb Moody's. Er sei vergleichbar mit den Schuldenquoten der USA und Frankreichs, deren "Aaa"-Rating bereits mit einem negativen Ausblick versehen sei. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat diese beiden Länder sogar schon herabgestuft. Moody's warnte außerdem, der Sparkurs der Regierung könnte die Wirtschaft schwächen.
Eine Zeitbombe, die nicht nur in Großbritannien noch schlummert, ist die Verschuldung der privaten Haushalte. Das Platzen der Immobilienblase vor wenigen Jahren ließ eine Vielzahl von Briten mit einem gewaltigen Schuldenberg zurück.
Zudem ist "auf Pump leben" bei den Angelsachsen mit einem geringeren gesellschaftlichen Makel behaftet als etwa in Deutschland. Die Schulden der privaten Haushalte entsprechen laut Eurostat 143 Prozent der verfügbaren Einkommen, in der Bundesrepublik liegt die Quote bei 88 Prozent.
Nach Angaben der Wirtschaftsauskunft Creditreform meldeten 2011 143.871 Briten Privatinsolvenz an - das war die mit Abstand höchste Zahl in ganz Europa. Seit 2003 hat sich der Wert verdreifacht.
Um die lahmende Wirtschaft anzukurbeln, pumpt die Bank of England Pfund in den Geldkreislauf. Seit 2009 hat sie Staatsanleihen und andere Wertpapiere im Volumen von 325 Mrd. Pfund erworben. Die jüngsten Äußerungen der Notenbank deuteten auf eine Einstellung des Programms hin - nach dem neuerlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung könnte es aber weiter benötigt werden.
Ihr wichtigstes Instrument hat die Notenbank weitgehend ausgereizt: Für Leitzinssenkungen hat sie kaum noch Spielraum, weil der Satz seit der Weltwirtschaftskrise auf einem Rekordtief von 0,5 Prozent liegt. Weitere Senkungen würden überdies die Inflation anheizen, die mit 3,5 Prozent schon recht hoch ist.
Genützt hat die Politik des billigen Geldes bislang wenig: Das britische BIP liegt rund vier Prozent unter dem Vorkrisenniveau.
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