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Merken   Drucken   25.06.2012, 14:09 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Der Yen ist kein sicherer Hafen

Kommentar Kein Industrieland betreibt solche Schuldenexzesse wie Japan. Das wird auf Dauer den Yen treffen.

Wer Angst an den Finanzmärkten hat - und welcher Anleger hat angesichts der europäischen Staatsschuldenkrise zurzeit keine? -, der sucht sichere Häfen. Für den einen sind dies Bundesanleihen, für den anderen Gold . Viele Investoren schlafen im Moment besonders ruhig, wenn sie ihr Geld in Yen geparkt haben. Daher steigt die japanische Währung immer dann, wenn die Risikobereitschaft der Anleger sinkt, etwa weil in Spanien eine Regionalsparkasse ins Schlingern gerät oder sich die Stimmung in der US-Industrie eintrübt.

Doch die Ruhe, die viele beim Kauf von Yen verspüren, könnte für sie zum Albtraum werden. Das mag noch etwas dauern, doch irgendwann kann die weltweit drittgrößte Volkswirtschaft nach den USA und China nicht mehr über ihre Verhältnisse leben. Schon heute sprechen die Fakten gegen Japan. Doch die weltweiten Investoren prügeln lieber die Euro-Zone wegen der Schulden eines für die Weltwirtschaft unbedeutenden Landes wie Griechenland durch, während sie die Lage in Japan ignorieren. Dem Euro droht das Aus, der Yen gewinnt unablässig an Wert an den Devisenmärkten.

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Doch während die Europäer, die Briten eingeschlossen, unter konjunkturellen Schmerzen gegen ihre hohen Schulden ankämpfen, gehen die Exzesse in Japan ungebremst weiter. Dort leiht sich der Staat jeden zweiten Yen , den er ausgibt. Das sind rund zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und damit rund doppelt so viel wie im reformfreudigen Spanien. Schon jetzt ist in Japan der Staat mit mehr als 200 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Das ist weit mehr als in Griechenland vor dem Schuldenschnitt vom Frühjahr. Zum Vergleich: Die Euro-Zone kommt auf einen Schuldenstand von rund 90 Prozent des BIPs; Frankreich und Deutschland liegen bei rund 80 Prozent.

Und die Schulden steigen in Japan ungebremst weiter. Ende des Jahres könnte der dortige Schuldenberg nach einer Berechnung der Ratingagentur Fitch schon unglaubliche 239 Prozent des BIPs betragen. Das wäre doppelt so hoch wie in Italien, das mancher besorgte - oder auch spekulative - Investor als nächsten Krisenherd handelt. Zudem hat sich die politische und wirtschaftliche Elite Japans in den vergangenen Jahrzehnten nicht gerade durch Reformeifer hervorgetan.

Trotz der Alarmzeichen wird am Status des Yen als sicherem Hafen am Devisenmarkt bislang nicht gerüttelt. Dafür gibt es einige volkswirtschaftliche Gründe: Immerhin erzielt Japan seit Langem Außenhandelsüberschüsse und besitzt daher ein großes Auslandsvermögen. Zugleich ist das Land nicht auf internationale Kapitalgeber angewiesen: Nicht nur, dass die Privathaushalte noch immer mehr Vermögen besitzen, als ihr Staat Schulden hat. Sie legen es auch gern konservativ an, sodass sich ihr Staat günstig bei ihnen Geld leihen kann. Damit droht dem Land anders als etwa den europäischen Krisenländern auch keine Flucht internationaler Geldgeber aus den Staatsanleihen.

Der ungebrochene Glaube an den Yen zeigt aber auch, wie "die Märkte" ticken. Sie sind meist eindimensional orientiert. Es dominiert derzeit die Euro-Staatsschuldenkrise, weitsichtigere Anleger machen sich vielleicht noch Gedanken über die prekäre Finanzlage der USA. Orientieren sich aber alle in die gleiche Richtung, so braucht es für einen einzelnen Investor gute Nerven und ein großzügiges Risikomanagement, um sich gegen die Herde zu stellen. Dies macht niemand in einer Welt kurzfristiger Anreizstrukturen. Zudem laufen viele automatisierte Handelssysteme, die auf Zeichen steigender Nervosität mit Yen-Käufen reagieren.

Der kritische Punkt für das ostasiatische Land könnte jedoch schon in zwei bis drei Jahren erreicht sein, wenn der Impuls für das Wirtschaftswachstum aus dem Wiederaufbau nach dem Tsunami verpufft ist. Eine sinkende Einwohnerzahl - Japan kennt quasi keine Einwanderung - lässt zudem nicht erwarten, dass das Land aus seinen Schulden herauswachsen kann.

Noch schwerer wiegt, dass die Staatsschulden bei Fortsetzung des jetzigen Trends nach Berechnungen von Volkswirten 2014 oder 2015 das Privatvermögen der Japaner übersteigen. Spätestens dann wird Japan sich an den internationalen Kapitalmärkten orientieren müssen. Und die sind, das bekommt derzeit Spanien zu spüren, nicht zimperlich. Dann zählen Ratings, die sich für Japan zuletzt permanent verschlechterten.

Hinzu kommt, dass die japanische Notenbank die Geldmenge nicht unbegrenzt aufblähen kann, ohne dass sich dies irgendwann in einer Inflation entlädt. Erste Anzeichen dafür sind bereits zu sehen. Seit Jahresbeginn liegt die Inflationsrate in Japan, das jahrelang mit einer Deflation kämpfe, wieder im positiven Bereich. Hohe Inflationsraten untergraben den Wert einer Währung, so dies auch den Yen belasten würde.

Verlieren die Investoren aber einmal den Glauben an den sicheren Hafen Yen, dann rast die Herde in die andere Richtung. Für die Europäer bliebe dies nicht ohne Folgen: Die derzeitige Euro-Krise lehrt, dass Schockwellen vom einen Ende der Welt rasend schnell andere Regionen erreichten. Es wäre bitter für die Europäer, wenn sie in einigen Jahren ihre Probleme halbwegs gelöst hätten, eine Staatsschuldenkrise in Japan ihre Bemühungen aber wieder zunichtemachen würde.

  • FTD.de, 25.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 25.06.2012 16:25:01 Uhr   Nixda: Kein Problem

    Japan hat erst nach dem Erdbeben begonnen über seine Verhältnisse zu leben. Angesichts der demographischen Entwicklung wäre das aber früher oder später auch so eingetreten. Angesichts der positiven NIPA ist das aber auch kein Problem, sondern eher ein Ausgleich für das jahrzehntelange Leben von Japan unter seinen Verhältnissen.

  • 25.06.2012 15:30:33 Uhr   Strichnid: Herden
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