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Merken   Drucken   27.05.2011, 17:40 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Experten kritisieren Tricksereien mit Staatsschulden

Über kleine Änderungen in der Finanzmarktregulierung können Staaten ihre Schuldenlast auf Kosten der Investoren senken. Pimco-Chef Bill Gross spricht von "Taschendiebstahl". von Frank Bremser, Frankfurt
Für die Staaten ist es ein eleganter Weg, die Staatsschulden zu drücken. Für Investoren häufig ein Minusgeschäft: Die finanzielle Repression. Dahinter steht laut Commerzbank der Versuch, "über regulatorische Maßnahmen Anleger zum Kauf der eigenen Staatsanleihen drängen.". Das klingt harmlos, die Folgen für die Investoren können aber heftig sein: Bei gleichzeitig steigender Inflation und je nach dem wie das System ausgestaltet wird, wird der Realzins durch diese Maßnahme negativ. Der Investor macht Minus, dem Staat werden hingegen sein Schulden entwertet. Zudem schafft er sich so eine feste Nachfragegruppe für seine Anleihen, weswegen er mit den Zinsen geizen kann.
Bill Gross, Manager bei Pacific Investment Management Co.   Bill Gross, Manager bei Pacific Investment Management Co.
Die Analysten der Commerzbank beziehen sich auf eine Studie von Carmen Reinhart und Belen Sbranica. Von ihnen stammt auch der Begriff finanzielle Repression für die Schaffung einer künstlichen Nachfrage nach Staatsanleihen. Gängige Methoden sind nach Darstellung der beiden Ökonominnen beispielsweise die Vorgabe an Banken und Pensionsfonds, Staatsanleihen zu halten oder Zinsobergrenzen für Bankeinlagen. Dadurch erscheinen Staatsanleihen attraktiver. Nach Ansicht der Commerzbank sowie des weltgrößten Rentenfondsmanagers Pimco steht die finanzielle Repression vor einem Comeback. Denn für Politiker liegt sie näher als unpopuläre Maßnahmen wie strenge Sparprogramme, ein Schuldenschnitt oder Hyperinflation, auch weil sie vom Großteil der Bevölkerung nicht wahrgenommen würden. Zudem seien sie leichter umzusetzen als ein Forcieren des Wirtschaftswachstums. "Je länger Reformen hinausgeschoben werden, desto wahrscheinlicher dürfte finanzielle Repression werden", schreiben die Volkswirte der Commerzbank.
Infolge der Finanzkrise griffen immer mehr Staaten zu dieser Methode, schreibt die Commerzbank. So habe Spanien im April 2010 faktisch eine Zinsobergrenze für Einlagen eingeführt. Die japanische Regierung hat die Post des Landes gestärkt und nicht wie zuvor geplant privatisiert. Die Post kauft in Japan traditionell viele Staatsanleihen.
Die irische Regierung habe den Nationalen Pensionsfonds dazu genutzt, die Banken des Landes zu rekapitalisieren. Damit umging die grüne Insel eine Anleiheemission. Zudem wurde ein Gesetz erlassen, wonach der Pensionsfonds zum Kauf irischer Staatsanleihen angewiesen werden kann. Und in Großbritannien hat die Finanzaufsicht im Oktober 2009 die Banken aufgefordert, mehr britische Staatsanleihen zu kaufen.
Negativer Realzins Dieser Weg ist nicht neu: Nach dem zweiten Weltkrieg haben viele Staaten so versucht, ihre Staatsschulen in den Griff zu bekommen. So führten die USA bereits 1933 einen Maximalzins für Bankeinlagen ein, der ab Mitte der 60er Jahre unter dem für dreimonatige Schatzwechsel lag. Zudem durften Amerikaner bis 1974 kein Gold besitzen. Auch Italien und Großbritannien arbeiteten mit ähnlichen Methoden.
Reinhart und Sbarnica haben ermittelt, dass die Realzinsen in den drei Ländern zeitweise negativ waren. Letztlich hätten die USA und Großbritannien zwischen 1945 und 1980 jedes Jahr Zinszahlungen in Höhe von drei bis vier Prozent des Bruttoinlandprodukts oder 20-25 Prozent der Steuereinnahmen gespart. Italien sparte von 1945 bis 1970 sogar gut fünf Prozent des BIP pro Jahr.
Was für die Staaten positiv ist, ist für den Anleger keine allzu gute Nachricht. Die Commerzbank erwartet ein "strukturelles Niedrigzinsumfeld für erstklassige Staatspapiere." Investoren müssten mit niedrigen, teils sogar negativen Realzinsen rechnen. Noch deutlicher wird in Zusammenhang mit der US-Zins- und Schuldenpolitik Pimco-Chef Bill Gross : "Man könnte das als finanzielle Repression bezeichnen. Wir nennen es Taschendiebstahl." Die Differenz zwischen der Rendite zehnjähriger US- Staatsanleihen und der Inflationsrate ist in diesem Monat erstmals seit Ende 2008 in negatives Territorium gerutscht. Die Commerzbank warnt zudem davor, dass der Eingriff der Staaten in den Kapitalmarkt die Markteffizienz stört. Weil durch einen direkten oder indirekten Kaufzwang für Staatsanleihen produktives Kapital gebunden werde, dürfte das Wirtschaftswachstum leiden.
  • FTD.de, 27.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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