Portugal ist mit seiner berühmten Fado-Musik seit jeher ein Sehnsuchtsziel für Melancholiker. Vielleicht liegt es daran, dass die Zahl der ausländischen Übernachtungsgäste ausgerechnet im vergangenen Jahr einen Rekord erreicht hat. Während das Land unter den Euro-Rettungsschirm flüchtete und in eine Rezession abrutschte, strömten 7,44 Millionen ausländische Touristen ins Land - neun Prozent mehr als 2010. Die Einnahmen der Hotels blieben mit 1,91 Mrd. Euro allerdings knapp unter dem 2008 erreichten Rekordwert von 1,96 Mrd. Euro.
Die am Montag vom nationalen Statistikamt veröffentlichten Zahlen sind ein schwacher Trost angesichts der Gesamtlage: Die Wirtschaftsleistung dürfte im vergangenen Jahr laut Schätzungen der EU-Kommission um 1,9 Prozent geschrumpft sein. Zwar geht die Brüsseler Behörde davon aus, dass das Haushaltsdefizit von 9,8 Prozent Ende 2010 auf rund sechs Prozent geschrumpft ist. Das gelang laut einem Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF) aber nur durch die Überführung von Betriebsrenten mehrerer Banken in die gesetzliche Rentenkasse. Der IWF finanziert gemeinsam mit der EU ein 78 Mrd. Euro schweres Hilfspaket für Portugal.
Warnungen, Lissabon könnte ähnlich wie Athen ein zweites Hilfsprogramm benötigen, hatten vor zwei Wochen die Risikoprämien auf portugiesische Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit Einführung des Euro getrieben. Nach der Zustimmung des griechischen Parlaments zu neuen Sparauflagen von Euro-Partnern und IWF entspannte sich die Lage am Montag ein wenig: Die Renditen zweijähriger portugiesischer Staatsanleihen gingen um 0,6 Prozentpunkte auf 13,9 Prozent zurück. Noch am 31. Januar hatten sie zeitweise 22,8 Prozent erreicht. Sinkende Renditen gehen bei Anleihen mit steigenden Kursen einher, deuten also auf eine höhere Nachfrage hin.
Die Renditen portugiesischer Zweijahrespapiere sind mittlerweile höher als die zehnjähriger Staatsanleihen. Das zeigt, dass sich Investoren vor allem um die nahe Zukunft sorgen: Mitte 2014 läuft das Hilfsprogramm von EU und IWF aus. Nach den Plänen der Kreditgeber soll Portugal Ende 2013 beginnen, sich wieder selbstständig an den Finanzmärkten Geld zu beschaffen. Derzeit bekommt Lissabon dort Kredite zu erträglichen Zinsen nur für wenige Monate.
Wenn die Regierung das Vertrauen der Investoren bis Ende 2013 nicht zurückgewinnt, bräuchte sie wohl ein zweites Rettungspaket. Griechenland wollen die Euro-Partner ein zweites Hilfsprogramm nur finanzieren, wenn die privaten Gläubiger Athens einen Beitrag leisten. Die Befürchtung, dieses Szenario könnte sich im Falle Portugals wiederholen, löste vor einigen Wochen einen regelrechten Ausverkauf portugiesischer Schuldtitel aus. Dadurch stiegen die Refinanzierungskosten des Landes - und mit ihnen die Wahrscheinlichkeit, dass Portugal tatsächlich ein zweites Hilfspaket benötigt.
Die Europäische Zentralbank (EZB) ist offenbar nicht gewillt, diesen Teufelskreis durch den Kauf großer Mengen an portugiesischen Anleihen zu durchbrechen. Die Notenbank erwarb in der vergangenen Woche Papiere hoch verschuldeter Staaten im Wert von 59 Mio. Euro. Das ist die geringste Summe seit der Woche vor Weihnachten.