FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Marktberichte Anleihen + Devisen » Wie Eurobonds funktionieren könnten

Merken   Drucken   15.08.2011, 12:23 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Wie Eurobonds funktionieren könnten

Die Einführung von Gemeinschaftsanleihen zur Lösung der Krise ist heftig umstritten. Dabei haften die finanzstarken Länder schon heute für die Pleitekandidaten. FTD.de erläutert, warum Eurobonds darüber hinausgehen - und wie sie aussehen könnten. von Barbara Schäder  Frankfurt
Die Bundesregierung stemmt sich gegen die Einführung von Eurobonds zur Bekämpfung der Schuldenkrise. "Wir halten sie nicht für den richtigen Weg", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag. Er wandte sich damit gegen einen Zeitungsbericht, demzufolge die schwarz-gelbe Koalition gemeinsame Anleihen aller Euro-Staaten nicht mehr ausschließt.
Zwar haften die Mitglieder der Währungsunion schon heute kollektiv für Hilfskredite an Portugal und andere Schuldensünder. Diese Bürgschaften sind aber befristet und lediglich als Überbrückung der aktuellen Notsituation gedacht. Die Einführung von Gemeinschaftsanleihen würde dagegen bedeuten, dass Deutschland künftig ganz grundsätzlich für Kredite, die andere Euro-Staaten an den Finanzmärkten aufnehmen, in Mithaftung genommen würde. Damit würden die Refinanzierungskosten für hoch verschuldete Staaten wie Griechenland sinken, die Bundesrepublik müsste sich hingegen auf höhere Zinsen gefasst machen. Eine Analyse.
Bislang wurde der Begriff in Fachkreisen für alle in Euro ausgegebenen Staatsanleihen verwendet. In der aktuellen Debatte über Auswege aus der Schuldenkrise ist damit aber ein neues Instrument gemeint: Eine Anleihe, für die alle Staaten der Währungsunion haften. Die Idee: Mit einer solchen Gemeinschaftshaftung ausgestattete Schuldtitel wären ausgesprochen sicher und entsprechend attraktiv für Investoren. Würde sich ein hoch verschuldetes Land mithilfe eines Eurobonds Geld an den Finanzmärkten beschaffen, müsste es deshalb weniger hohe Zinsen bieten als für nationale Anleihen.
Der luxemburgische Ministerpräsident und Euro-Gruppen-Vorsitzende Jean-Claude Juncker schlägt dazu die Einrichtung einer europäischen Schuldenagentur vor. Sie könnte die neuen Gemeinschaftsanleihen herausgeben und damit bis zu 50 Prozent der Neu-Emissionen der Nationalstaaten übernehmen, schrieb Juncker im Dezember 2010 in einem gemeinsam mit dem italienischen Finanzminister Giulio Tremonti verfassten Beitrag für die "Financial Times".
Prominentester Befürworter von Eurobonds ist Jean-Claude Juncker   Prominentester Befürworter von Eurobonds ist Jean-Claude Juncker
Das Brüsseler Forschungsinstitut Bruegel empfahl bereits im Mai die Einrichtung einer Schuldenagentur. Über die Verteilung des Gelds, das diese Agentur an den Märkten beschafft, soll nach dem Modell der Bruegel-Autoren Jacques Delpla und Jakob von Weizsäcker Jahr für Jahr ein unabhängiger Stabilitätsrat entscheiden.
Staaten wie Deutschland, die gegenwärtig von ausgesprochen niedrigen Marktzinsen profitieren, könnten nach diesem Vorschlag auch ganz auf Eurobonds verzichten. Sollte etwa der Bundestag den vom Stabilitätsrat vorgelegten Verteilungsschlüssel ablehnen, würde Deutschland im fraglichen Jahr keine Gemeinschaftsanleihen nutzen und auch nicht für Eurobonds anderer Staaten haften. Die Bruegel-Forscher sehen darin einen Disziplinierungsmechanismus: Der Stabilitätsrat wäre gezwungen, die Interesssen der finanzstarken Staaten im Blick zu behalten. Denn ohne Deutschland und andere Länder mit Top-Bonitätsnoten würde der Mechanismus kaum funktionieren.
Um das Schuldenmachen und damit auch die Haftungsrisiken für finanzstarke Staaten wie Deutschland zu begrenzen, sehen alle vorliegenden Modelle eine Obergrenze vor. Die Bruegel-Autoren empfehlen, die Summe der mit Gemeinschaftsanleihen finanzierten Kredite solle maximal 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) eines jeden Euro-Staats entsprechen. Dafür sprechen sich auch Forscher der Stiftung für Wissenschaft und Politik aus. Die 60-Prozent-Grenze ist die Richtgröße für die Staatsverschuldung im EU-Stabilitätspakt, die derzeit allerdings nur von wenigen Ländern eingehalten wird.
Unsolide wirtschaftende Länder sollen nach dem Bruegel-Modell damit bestraft werden, dass sie einen geringeren Anteil ihrer Staatsschulden über Eurobonds finanzieren dürfen. Sollte ein Staat immer wieder gegen den EU-Stabilitätspakt verstoßen, könnte es sogar komplett aus der Gemeinschaftsfinanzierung ausgeschlossen werden. Nach dem Vorschlag von Euro-Gruppenchef Juncker soll das Volumen an Eurobonds maximal 40 Prozent des BIP eines jeden Landes ausmachen.
Staaten, die mehr Kredite benötigen, sollen den Rest wie bislang über nationale Anleihen beschaffen. Dafür würden in den meisten Fällen höhere Zinsen fällig, was einen Anreiz zum Sparen bieten soll. Überdies sollen die nationalen Anleihen nach dem Bruegel-Modell nachrangig bedient werden. Das heißt: Falls ein Land in Zahlungsschwierigkeiten gerät, muss es zuerst die Eurobonds zurückerstatten.
Infografik - Teure Risikoprämien   Infografik - Teure Risikoprämien
Die nationalen Anleihen würden dagegen mit sogenannten Collective Action Clauses (CAC) ausgestattet. Das sind vertragliche Vorkehrungen für eine Gläubigerbeteiligung. Investoren, die nationale Anleihen kaufen, hätten bei einer Staatspleite also keinen Rechtsanspruch auf eine vollständige Rückzahlung ihrer Forderungen. Diese Nachteile dürften dazu führen, dass Anleger für Investitionen in solche Papiere noch höhere Renditen fordern. Die Emission nationaler Anleihen würde für die Staaten also kostspieliger, der Rückgriff auf Eurobonds und die Einhaltung der Schuldengrenze von 60 Prozent umso attraktiver.
Die Bruegel-Autoren halten verschiedene Wege für möglich. So könnten sich zunächst solide haushaltende Staaten freiwillig zusammenschließen und mit der Einführung von Eurobonds vorangehen.
Der Anreiz: Auf diese Weise entstünde ein größerer Anleihemarkt mit höheren Handelsvolumina. Ein solcher liquider Markt wäre nach Einschätzung der Forscher für viele Investoren attraktiver als Papiere stabiler, aber kleiner Staaten. Viele asiatische Zentralbanken beispielsweise kauften innerhalb der Euro-Zone bislang praktisch nur deutsche und französische Schuldtitel, schreiben die Experten. Folgt man dieser Argumentation, könnte die Einführung von Gemeinschaftsanleihen etwa für die Niederlande, Finnland und Österreich attraktiv sein.
Eurobonds sind ...?

 

Eurobonds sind ...?

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Alternativ wäre auch eine sofortige Umstellung des gesamten Bond-Markts in der Währungsunion möglich. Für eine solche Lösung treten Euro-Gruppenchef Juncker und der italienische Finanzminister Tremonti ein. Nach ihrem Vorschlag sollte die europäische Schuldenagentur sofort bis zu 50 Prozent der Neu-Emissionen der Einzelstaaten übernehmen.
Länder wie Portugal, die wegen der hohen Zinslast derzeit praktisch keine nationalen Anleihen begeben können, könnten für einen befristeten Zeitraum sogar komplett über Eurobonds finanziert werden. Praktisch ist das jetzt schon der Fall: Der Euro-Rettungsfonds EFSF begibt an den Märkten Anleihen, für die alle Staaten der Währungsunion haften, und reicht das Geld an Irland oder Portugal weiter. Allerdings müssen die beiden Staaten dafür bislang Zinsen zahlen, die leicht über den EFSF-Finanzierungskosten liegen.
Die neue Schuldenagentur soll nach Junckers Vorstellungen obendrein Inhabern von Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder einen Umtausch der Papiere in Eurobonds anbieten. Dabei müssten die Investoren allerdings Abschläge hinnehmen. Für eine griechische Anleihe im Nennwert von 100 Euro bekämen sie einen Eurobond mit einem geringeren Nominalbetrag. Auf diese Weise würden sie für die hinzugewonnene Sicherheit bezahlen, Griechenland würde ein Teil seiner Schulden erlassen. Eurobond-Emissionen und Anleihetausch zusammen würden solange fortgesetzt. Einen solchen Anleihetausch befürworten auch die Forscher des Bruegel-Instituts.
Das ifo-Institut bezifferte die Mehrkosten kürzlich auf bis zu 25 Mrd. Euro. Zugrundegelegt wurde dabei die Differenz zwischen den gegenwärtigen Zinskosten des Bundes und dem Durchschnittssatz aller Euro-Staaten.
Bruegel-Forscher von Weizsäcker argumentiert dagegen, die Verzinsung von Eurobonds werde nach seinem Modell voraussichtlich deutlich geringer ausfallen als der gegenwärtige Durchschnitssatz für die Einzelstaaten. Schließlich sollten mit den Gemeinschaftsanleihen nicht die gesamten Verbindlichkeiten der Mitgliedsländer finanziert werden, sondern lediglich "die weitgehend risikofreie Sockelverschuldung".
Hinzu kämen die Vorteile eines größeren und liquideren Anleihemarkts. Sollten tatsächlich Verbindlichkeiten in Höhe von 60 Prozent des Euro-Zonen-BIP über Eurobonds finanziert werden, so käme laut Bruegel-Institut ein Volumen von 5600 Mrd. Euro zusammen. Das wäre etwa das Fünffache des gegenwärtigen Volumens an Schuldtiteln der Bundesregierung. Die Vorteile eines großen Bond-Markts zeigen sich an US-Staatsanleihen: Trotz der Herabstufung der Vereinigten Staaten durch die Ratingagentur Standard & Poor's sind die Papiere weiterhin sehr gefragt.
  • FTD.de, 15.08.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Kommentare
Kommentar schreiben Pflichtfelder*




Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6285  [-30.89 -0,49%
  Euro Stoxx 50 2139,82  [-16.7 -0,77%
  Dow Jones 12529,75  [33.6 +0,27%
  Nasdaq Composite 2839,38  [-10.74 -0,38%
  Euro 1,25074 USD  [-0.00275 -0,22%
  Brent-Öl 106,56 USD  [0.25 +0,24%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
  • Kursverluste, Ärger mit Behörden und der Nasdaq: Das Börsenparkett ist zu glatt für Facebook. Die Internetstars aus Kalifornien sehen am Aktienmarkt aus wie Anfänger. Damit es Ihnen nicht so geht: Testen Sie Ihr Börsenwissen.

    Bei einem Verlust von 30 Prozent - wie stark müsste der Aktienkurs steigen, damit Sie wieder beim Anfangsniveau angelangt sind?

    Börsen-Quiz: Machen Sie es besser als Facebook

    Alle Tests

  14.03. Quiz Kennen Sie sich aus im DAX?

Wer seit Jahresbeginn auf Aktien setzt, kann sich bislang über einen satten Gewinn freuen. Mischen Sie mit bei der Rally - im Quiz von FTD.de. Testen Sie ihr DAX-Wissen.

Seit wann gibt es den DAX?

Quiz: Kennen Sie sich aus im DAX?

Alle Tests

 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote