Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht, die Sorgen von Investoren und Banken um das Ablaufen eines 442 Mrd. Euro schweren Liquiditätsprogramms zu zerstreuen. "Wir werden dafür sorgen, dass es keine Probleme gibt und alles gut läuft", sagte Christian Noyer, Gouverneur der französischen Notenbank und EZB-Ratsmitglied, dem Radiosender Europe 1. "Die EZB und das Euro-System werden tun, was nötig ist, um sicherzustellen, dass die Liquidität da ist." Er räumte ein, obwohl französische Banken keine Schwierigkeiten bekommen sollten, könnten einige andere "leiden".
Am Donnerstag endet ein Ein-Jahres-Tender, den die EZB im vergangenen Sommer aufgelegt hatte, um für ausreichend Liquidität im System zu sorgen und die Kreditvergabe zu stützen. Viele Banken hängen allerdings mittlerweile von diesem Programm ab, da sie sich am Geldmarkt gar nicht oder nur noch zu sehr teuren Sätzen refinanzieren können. Dazu zählen vor allem Institute aus Ländern, die von der Schuldenkrise in Europa betroffen sind: Griechenland, Spanien oder Portugal.
Um sich vor Donnerstag zu wappnen, griffen die Banken beim Wochentender am Dienstag kräftig zu. Die EZB teilte den 157 bietenden Banken und Sparkassen der Euro-Zone 162,9 Mrd. Euro zu. Vorige Woche waren es schon 151,5 Mrd. Euro gewesen.
Um den Banken den Übergang zu erleichtern, wird die EZB am Mittwoch einen Drei-Monats-Tender anbieten. Nach einer Reuters-Umfrage dürften die Institute dabei Gelder im Volumen von 210 Mrd. Euro abrufen. Allerdings reichten die Schätzungen von 12 bis 400 Mrd. Euro.
Trotz des Entgegenkommens der EZB wächst am Markt die Furcht vor Verwerfungen. Die spanischen Banken bedrängen die Notenbank daher, weiter langfristige Kredite zur Verfügung zu stellen. "Die Politik der EZB ist, dass sie keine Laufzeiten von mehr als drei Monaten anbieten will. Aber sie muss sich anpassen", sagte ein hochrangiger Manager einer spanischen Bank der Financial Times. "Wir streiten jeden Tag mit ihnen darüber", sagte ein anderer Banker mit Blick auf die EZB. "Das ist absurd."
Die Zentralbank steckt in einem Dilemma: Einerseits will sie die enorme Liquidität abschöpfen, die sie während der Krise in das Finanzsystem gepumpt hat, bevor es in den Wirtschaftskreislauf gelangt und die Teuerung anheizt. Andererseits ist die wirtschaftliche Erholung fragil, an den Märkten ist die Nervosität angesichts der Schuldenkrise wieder gewachsen.
Das Drei-Monats-Geschäft wird zu einem Zinssatz zu einem Prozent erfolgen. Für die Banken ist das vergleichsweise teuer, da sie sich am Interbankenmarkt für die selbe Zeitspanne für knapp 0,68 Prozent leihen können. Experten erwarten dennoch eine hohe Nachfrage. "Eine Reihe von Banken haben Schwierigkeiten, überhaupt Geld zu bekommen, und werden sehr an diesem Weg interessiert sein", schreiben Kreditstrategen von Société Générale.
Derzeit sei immer noch viel Überschussliquidität im System. Sie gehen davon aus, dass zum Ende des Ein-Jahres-Tender 242 der 442 Mrd. Euro refinanziert werden, womit die Überschussliquidität immer noch bei rund 120 Mrd. Euro liegen würde.
Am Markt ist die Nervosität dennoch groß. Der Eonia-Zins am Interbankenmarkt - ein für die Refinanzierung der Banken wichtiger Satz - ist auf fast 0,48 Prozent gestiegen. Sollte dieser Satz weiter steigen, werde die EZB wahrscheinlich wieder längerfristige Geschäfte mit Laufzeiten von sechs und zwölf Monaten auflegen müssen, so die Société-Générale-Strategen. Sie glauben auch, dass die EZB nicht wie geplant zum Ende des dritten Quartals die Vollzuteilung beenden kann, sondern dass sie die Wünsche der Banken darüber hinaus voll erfüllen wird. Angesichts der Probleme der Banken sei zu bezweifeln, dass der EZB der Exit gelingen werde.