Auf der Suche nach Vergleichen für die aktuelle Finanzkrise fällt immer öfter ein Wort: Japanszenario. Tatsächlich erscheint vieles aus den Nachrichten heute wie ein japanisches Déjà -vu: geplatzte Aktien- und Immobilienblase, Bankenkrise, Rezession, Konjunkturpakete und Deflation.
Ob die Vereinigten Staaten und Europa tatsächlich vor einem "verlorenen Jahrzehnt" stehen wie Japan zu Beginn der 90er-Jahre, als eine gewaltige Immobilienblase geplatzt war, ist umstritten. Bei aller Ähnlichkeit gibt es bemerkenswerte Unterschiede. "Anders als im Japan der 90er-Jahre wird die Geld-und Fiskalpolitik in den USA heute wirken", sagt Rütger Teuscher, Senior Economist der DZ Bank. "In Japan hat man die Krise damals unter den Teppich gekehrt", sagt auch Vermögensverwalter Georg Thilenius. "Heute läuft die Krise viel offener ab, und die amerikanische Regierung reagiert viel schneller."
Dennoch lässt die Angst vor dem Japanszenario die Vermögensverwalter derzeit nicht los. "Die USA werden japanische Verhältnisse erleben", sagt Burkhard Allgeier vom Vermögensverwalter Hauck & Aufhäuser. "Was die US-Notenbank Fed jetzt macht, hat die japanische Notenbank in den 90er-Jahren vorgemacht." Sie werde durch den Ankauf von Treasuries die Zinsen am langen Ende so weit senken, wie sie es für richtig halte. "Auch in Europa wird es in Richtung Japan gehen."
In Japan hatte damals der völlig überschuldete Unternehmenssektor über Jahre hinweg seine Bilanzen korrigieren müssen. "Die Unternehmen fielen jahrelang als Impulsgeber aus", sagt Teuscher. Entsprechend schwach entwickelten sich die Aktienkurse.
Eine Reaktion auf die geplatzte Blase war: Investorengeld floss in Staatspapiere. Die Regierung finanzierte eine ganze Reihe von Konjunkturprogrammen über die Ausgabe von Anleihen. Diese erwiesen sich angesichts stabiler und sinkender Preise als sinnvolle Geldanlage. Die Regierung bekam daher die Titel immer noch los, ohne dass die Renditen stark gestiegen wären. Im Gegenteil. Das Deflationsumfeld sorgte für niedrige Zinsen.
"Im Japan Anfang der 90er-Jahre waren lang laufende Staatsanleihen das ideale Investment", sagte Tim Schmiel von VW Vermögensmanagement. "Sie haben davon profitiert, dass die Langfristzinsen nach der geplatzten Blase immer weiter gefallen sind." Diese Zinsen konnten sich japanische Kuponschneider sichern, und darüber hinaus lockten denjenigen Investoren Kursgewinne, die zum günstigen Zeitpunkt vor Fälligkeit wieder verkauft haben.
Ähnliches könnte nun auch für die USA und Europa gelten. "Liquide langfristige Staatsanleihen hoher Bonität sind derzeit aus unserer Sicht das erste Investment, also beispielsweise 10- und 30-jährige Bundesanleihen", sagte Allgeier. Die Leitzinssenkungen hätten die Zinskurven zwar kurzfristig steiler gemacht, langfristig würden sie aber flacher, wenn die Nachfrage nach Langläufern weiter zunimmt.
Titelauswahl und Timing entscheiden
Dabei sprechen sowohl Rezession als auch Deflation, so es denn dazu kommt, für Topstaatsanleihen: Hier drohen im Gegensatz zu Aktien und Unternehmensanleihen keine Ausfälle. Und ihre reale Rendite steigt mit sinkenden Preisen, die durch eine steigende Flucht in Sicherheit in Form von Kursgewinnen noch verstärkt wird.
Japanszenario bedeutet aber nicht nur sinkende Preise - und damit ein Sieg von Anleihen über Aktien. Es heißt auch schwieriger werdende Entscheidungen über Investitionen und Vermögensallokationen. "In Japan ging es nicht nur bergab, sondern es gab auch immer wieder Zwischenhochs", sagt Schmiel. "In Zukunft wird man wesentlich selektiver sein müssen. Denn Kursgewinne auf ganzer Breite durch alle Branchen wie in den vergangenen Jahren wird es bei Aktien in Zukunft nicht mehr geben."
Das dürfte nicht nur für die Titelauswahl, sondern auch für das Timing gelten. Denn aus Deflation könnte angesichts der gigantischen Staatsengagements schnell wieder Inflation werden. "Auch da gilt es, wachsam zu sein", sagt Allgeier.