FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Marktberichte Anleihen + Devisen » Warum die Märkte die Euro-Krise mehr fürchten als die US-Pleite

Merken   Drucken   29.07.2011, 21:11 Schriftgröße: AAA

Transatlantisches Schuldendrama: Warum die Märkte die Euro-Krise mehr fürchten als die US-Pleite

Den Vereinigten Staaten droht die Zahlungsunfähigkeit. Trotzdem bleiben Schuldtitel der amerikanischen Regierung gefragt - es fehlen einfach Alternativen in "AAA"-Anleihen. Ein Erklärungsversuch. von Barbara Schäder  Frankfurt
In den USA ist ein weiterer Anlauf zur Abwehr einer Staatspleite gescheitert: Eine für Donnerstagabend geplante Abstimmung über die Anhebung der gesetzlichen Schuldengrenze wurde vertagt. Doch obwohl Washington nach Angaben des Finanzministeriums schon in wenigen Tagen zahlungsunfähig sein könnte, reißen sich Anleger um US-Staatsanleihen. Dagegen löste die bloße Drohung der Ratingagentur Moody's, Spaniens "Aa2"-Rating auf "Aa3" herabzustufen, Anleiheverkäufe aus.
Dabei sind die spanischen Staatsfinanzen solider als die amerikanischen: Nach Einschätzung der EU-Kommission wird der spanische Schuldenberg in diesem Jahr 68 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreichen. In den USA liegt die Quote nahe 100 Prozent. FTD.de untersucht die Gründe für die Nachsicht der Märkte mit Washington.
Geld in Anleihen eines Landes zu stecken, das mit der Pleite flirtet, scheint irrational. Bei näherem Hinsehen zeigt sich allerdings, dass die Märkte differenzieren: Zahlreiche Anleger verkaufen US-Schatzwechsel, die am 4. August auslaufen. Die Rückzahlung dieser insgesamt 90 Mrd. Dollar schweren Schuldtitel gilt als akut gefährdet. Ihr Kurs brach regelrecht ein. Die Rendite, die sich entgegengesetzt zum Kurs bewegt, erreichte am Freitag 0,27 Prozent - noch am Dienstag hatte sie unter 0,1 Prozent gelegen.
Investoren setzen auf schnelle Lösung
Papiere mit längeren Laufzeiten sind dagegen weiter gefragt. Die Renditen von Zweimonatspapieren lagen am Freitag nahezu unverändert bei 0,09 Prozent. Die Erwartung der Märkte ist offenbar: Selbst wenn die Verhandlungen über die US-Schuldengrenze scheitern und der Staat vorübergehend zahlungsunfähig wird, werden sich die Politiker spätestens in diesem Moment zusammenraufen und schnell eine Lösung finden.
Kein Ende in Sicht: Staatsverschuldung der USA   Kein Ende in Sicht: Staatsverschuldung der USA
Die Kurse von Staatsanleihen mit Laufzeiten von mehreren Jahren stiegen sogar. Getrieben wurden sie ausgerechnet von einem Einbruch des Wirtschaftswachstums in den USA. Das zeigt: Trotz der Erosion der amerikanischen Staatsfinanzen stehen die Papiere weiter im Ruf eines sicheren Investments. Die Ratingagentur Fitch führt das unter anderem auf die außerordentliche Liquidität von Treasuries zurück. Täglich wechselten US-Schuldtitel im Wert von 580 Mrd. Dollar den Besitzer - ein Zeichen, dass sich die Papiere bei Bedarf jederzeit zu Bargeld machen ließen, schreiben die Analysten.
Die Fondsgesellschaft Janus Capital spricht dagegen von "trügerischer Ruhe" auf den Anleihemärkten. Sie weist darauf hin, dass die USA bei einem Zahlungsausfall mit einer Herabstufung durch die Ratingagenturen rechnen müssen. Dies könnte zu einem Ausverkauf von US-Staatsanleihen führen - mit der Folge kräftig steigender Zinsen. Da sich die Refinanzierungskosten von Unternehmen an denen des Staates orientieren, hätte dies "schwerwiegende Folgen".
Die Ratingagentur Fitch dagegen geht davon aus, dass mögliche Turbulenzen auf den Bond-Märkten nur von kurzer Dauer wären. Ein Massenverkauf von US-Schuldtiteln sei unwahrscheinlich, weil sicherere Alternativen einfach nicht in ausreichender Menge zur Verfügung stünden. Derzeit seien Papiere im Wert von rund 9300 Mrd. Dollar im Umlauf. Sie durch Anleihen anderer Staaten mit dem Spitzenrating "AAA" zu ersetzen, sei praktisch unmöglich. Fitch illustriert das mit einem Rechenbeispiel: Selbst alle Staatsanleihen Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands zusammengenommen ergäben lediglich ein Volumen von 5300 Mrd. Dollar.
Wechselseitige Abhängigkeit zwischen USA und großen Gläubigern
Ein weiteres Argument gegen eine Verkaufswelle: Rund ein Drittel der ausstehenden Treasuries liegt bei ausländischen Zentralbanken und Staatsfonds. Diese Großgläubiger haben kein Interesse an einem Kursverfall. Das gelte umso mehr für Länder, "die ihre Währung an den Dollar koppeln", schreiben Analysten der französischen Bank Société Générale.
Die People's Bank of China kann ihre US-Papiere nicht einfach ...   Die People's Bank of China kann ihre US-Papiere nicht einfach verkaufen
Gemeint ist offenkundig China. Die People's Bank of China (PBOC) parkt die enormen Außenhandelsüberschüsse der Volksrepublik unter anderem deshalb in US-Staatsanleihen, weil sie eine rasche Aufwertung der Landeswährung Renminbi gegenüber dem Dollar verhindern will.
Auch die großen Banken werden nach Einschätzung von Société Générale ihre Staatsanleihen nicht verkaufen. Da die Papiere bislang als bombensicher gelten, hätte selbst eine moderate Herabstufung keine Folgen für die Bilanzen. Das gelte vermutlich auch für die meisten Fondsgesellschaften, schreiben die Analysten. Allenfalls Pensionsfonds könnten sich wegen der hohen Sicherheitsanforderungen an ihre Anlagepolitik gezwungen sehen, Treasuries zu verkaufen - oder ihre Standards zu senken.
Das größte Risiko sehen die meisten Analysten für die Liquiditätsversorgung der Märkte. Entscheidend ist, ob die Notenbank Federal Reserve US-Staatsanleihen nach einem Zahlungsausfall weiterhin als Sicherheiten für Kredite an die Geschäftsbanken akzeptiert. Diese Frage warf vor einer Woche der Präsident der Fed-Zweigstelle in Philadelphia auf, Charles Plosser: "Sollten wir sie weiter so behandeln, als wäre nichts passiert? Oder sollten wir sie nicht mehr als Sicherheiten für Kredite akzeptieren?"
Notenbanker Plosser will der Politik ungern unter die Arme greifen   Notenbanker Plosser will der Politik ungern unter die Arme greifen
Plosser selbst neigt offenbar zur letztgenannten Alternative - obwohl sie den Zugang der Geschäftsbanken zu frischem Geld erheblich erschweren würde. Der Notenbanker argumentierte, die Fed dürfe der Politik die Lösung der Schuldenkrise nicht abnehmen: "Wir dürfen nicht die Unfähigkeit des Finanzministeriums ausgleichen, neue Kredite aufzunehmen." Einige Banken bereiten sich nach Informationen der Financial Times bereits darauf vor, bei bestimmten Transaktionen weniger auf US-Staatsanleihen zurückzugreifen - und horten deshalb Bargeld.
Absicherung gegen eine Pleite wird teurer
Auch die Kosten für die Absicherung von US-Staatsanleihen gegen einen Zahlungsausfall steigen: Die Prämien für CDS-Kreditausfallderivate mit einer Laufzeit von fünf Jahren stiegen seit dem vergangenen Freitag um zehn auf 64 Basispunkte. Damit kostet es 64.000 Dollar jährlich, US-Schuldtitel im Wert von 10 Mio. Dollar über einen Zeitraum von insgesamt fünf Jahren gegen einen Zahlungsausfall abzusichern.
Die CDS-Prämien für Derivate mit einer Laufzeit von einem Jahr notieren sogar auf einem Rekordhoch von 80 Basispunkten. Da sich die Sorgen der Anleger vor allem auf die nächsten Wochen beziehen, ist die Absicherung kurzlaufender Schuldtitel teurer als von Mehrjahrespapieren.
Allerdings ist der Markt für CDS auf US-Staatsanleihen sehr klein: Laut Zahlen der Depository Trust & Clearing, eines US-Clearinghauses, sind Papiere im Wert von knapp 5 Mrd. Dollar gegen einen Zahlungsausfall abgesichert. Von Panik kann also keine Rede sein.
Die Krisen in Griechenland, Portugal und Irland reichen tiefer als in den USA: Die beiden erstgenannten Länder leiden seit Jahren unter einer ausgeprägten Wachstumsschwäche. Der griechische Schuldenberg ist gemessen an der Wirtschaftsleistung überdies höher als der amerikanische. Weil Athen das Ausmaß der Misere lange verschleierte, hat das Land obendrein seine Glaubwürdigkeit als Schuldner verspielt.
Infografik Italiens Wirtschaft   Infografik Italiens Wirtschaft
Irland wiederum leidet unter dem maßlosen Wachstum seines Bankensektors in den Boom-Jahren vor der Krise. Niedrige Zinsen und laxe Regulierung führten dazu, dass die Bilanzsumme der Branche 2007 das Siebenfache der Wirtschaftsleistung der Insel erreichte. In der Krise platzte die Blase. Wie in den USA musste der Staat Milliarden in die Sanierung der Banken stecken, was Dublin sich aber noch weniger leisten konnte als Washington.
Kursinformationen und Charts
  Euro 1,25316 USD  [-0.00033 -0,03%
Dass zuletzt allerdings auch Spanien und sogar Italien unter Beschuss gerieten und für die Aufnahme von Krediten an den Finanzmärkten weitaus höhere Zinsen zahlen müssen als die USA, ist schwieriger zu erklären. Einige wichtige Gründe neben der Position der Vereinigten Staaten als größter Volkswirtschaft der Welt: US-Staatsanleihen sind als Anlageform aus den oben geschilderten Gründen ähnlich wichtig wie der Dollar , der die Handelswährung Nummer eins ist. Zudem hält die US-Notenbank die Zinsen niedrig und drückt den Wert des Dollar gegenüber anderen Währungen. Dadurch werden amerikanische Produkte für Ausländer billiger, was die Wettbewerbsfähigkeit steigert.
Die notleidenden Euro -Staaten dagegen können die Gemeinschaftswährung im Alleingang nicht abwerten. Sie sind der Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) unterworfen, die neben den Problemen der Peripherie auch die steigende Inflationsrate und die Gefahr einer Überhitzung des Wachstums etwa in Deutschland im Auge behalten muss.
  • FTD.de, 29.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Newsletter:   Eilmeldungen Finanzen

Wenn die Deutsche Bank durch einen Stresstest fällt, erfahren Sie es zuerst in unserem Finanznewsletter.

Beispiel   |   Datenschutz
markets - Das Finanzinformationsportal
  DAX 6308,38  [-7.51 -0,12%
  Euro Stoxx 50 2150,96  [-5.56 -0,26%
  Dow Jones 12520,52  [-9.23 -0,07%
  Nasdaq Composite 2844,97  [5.59 +0,20%
  Euro 1,25316 USD  [-0.00033 -0,03%
  Brent-Öl 106,56 USD  [0.25 +0,24%
Tweets von FTD.de Finanz-News

Weitere Tweets von FTD.de

Immobilien-Kompass
Partnerangebot Immobilien suchen in ...
  • Kursverluste, Ärger mit Behörden und der Nasdaq: Das Börsenparkett ist zu glatt für Facebook. Die Internetstars aus Kalifornien sehen am Aktienmarkt aus wie Anfänger. Damit es Ihnen nicht so geht: Testen Sie Ihr Börsenwissen.

    Bei einem Verlust von 30 Prozent - wie stark müsste der Aktienkurs steigen, damit Sie wieder beim Anfangsniveau angelangt sind?

    Börsen-Quiz: Machen Sie es besser als Facebook

    Alle Tests

  14.03. Quiz Kennen Sie sich aus im DAX?

Wer seit Jahresbeginn auf Aktien setzt, kann sich bislang über einen satten Gewinn freuen. Mischen Sie mit bei der Rally - im Quiz von FTD.de. Testen Sie ihr DAX-Wissen.

Seit wann gibt es den DAX?

Quiz: Kennen Sie sich aus im DAX?

Alle Tests

 



AKTIEN + MÄRKTE

mehr Aktien + Märkte

DERIVATE

mehr Derivate

INVESTMENTFONDS

mehr Investmentfonds

IMMOBILIEN

mehr Immobilien

ALTERNATIVE ANLAGEN

mehr Alternative Anlagen

FINANZCHECK

mehr Finanzcheck

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote