Die Schuldenkrise hinterlässt tiefe Spuren in der europäischen Wirtschaft. Im letzten Quartal 2011 geht es für viele Länder abwärts - auch in wirtschaftlich starken Nationen. FTD.de analysiert die Lage in einigen Euro-Ländern.
von Kai BellerBerlin
Es steht nicht gut um die Konjunktur in der Euro-Zone. Ende 2011 ist die Wirtschaftsleistung erstmals seit zweieinhalb Jahren wieder geschrumpft. Auch wegen eines leichten Rückgangs in Deutschland sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im gesamten Währungsgebiet von Oktober bis Dezember um 0,3 Prozent zum Vorquartal. Damit steht die gesamte Region an der Schwelle zur Rezession - einzelne Mitgliedsstaaten stecken wegen ihres harten Sparkurses schon mittendrin.
Auch in Deutschland schrumpfte die Wirtschaftsleistung. Die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone musste einen Rückgang um 0,2 Prozent des BIP im Vergleich zum Vorquartal verkraften. Ökonomen sehen aber Zeichen für eine Erholung. Davon kann in anderen Euro-Ländern keine Rede sein.
Italienische Flagge in Rom über dem Palazzo del Quirinale
Die Wirtschaft des Landes beschleunigte ihre Talfahrt im letzten Quartal 2011. Die Wirtschaftsleistung schrumpfte um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Da das Bruttoinlandsprodukt bereits im dritten Vierteljahr rückläufig war, steckt Italien in einer Rezession. Der Internationale Währungsfonds rechnet damit, dass die italienische Wirtschaft im Gesamtjahr um 2,2 Prozent nachgibt. Die Bank von Italien erwartet ein Minus von 1,2 Prozent.
Das hochverschuldete Land konnte sich zuletzt etwas aus dem Klammergriff der Schuldenkrise befreien und unter der neuen Technokratenregierung von Ministerpräsident Mario Monti wieder Vertrauen an den Finanzmärkten zurückgewinnen. Allerdings wurde das unter anderem mit einem rigiden Sparkurs erkauft, der das Wachstum abwürgt.
Allein in diesem Jahr sind nach Berechnungen der Großbank UBS Einsparungen im Umfang von 46 Mrd. Euro vorgesehen. Das sind 2,9 Prozent des BIP. Volkswirte warnen vor einer Abwärtsspirale mit immer neuen Sparprogrammen.
Es gibt aber auch Optimisten. "Das Schlimmste ist wohl vorüber", sagte Chiara Corsa von Unicredit. Auch wenn es im ersten Quartal 2012 noch ein sinkendes BIP gebe, sei leichte Besserung in Sicht. Ihre Hoffnung stützt sich auf den Anstieg der Industrieproduktion im letzten Quartal. Andere Ökonomen sehen darin nur einen Ausreißer.
Die Flagge der Europäischen Union und die französische Tricolore wehen vor der Banque de France in Paris
Vor den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr schrammt Frankreich an einer Rezession vorbei. Das Bruttoinlandsprodukt habe von Oktober bis Dezember um 0,2 Prozent zum Vorquartal zugelegt, teilte die französische Statistikbehörde Insee mit. Volkswirte hatten mit einem leichten Minus gerechnet.
"Frankreich könnte eine Rezession vermeiden", sagte der Societe-Generale-Ökonom Michel Martinez. Nach seiner Einschätzung könnte die Wirtschaft des Landes im ersten Quartal zwar schrumpfen. Danach sei aber Besserung in Sicht.
Die Regierung hört es gern. Finanzminister Francois Baroin sieht die Wirtschaft auf gutem Weg, 2012 das von der Regierung erwartete Wachstum von 0,5 Prozent zu schaffen. "Jeder der drei Hauptbereiche der Wirtschaft - Außenhandel, privater Konsum und Investitionen - sorgte im letzten Quartal 2011 für einen positiven Beitrag", sagte Baroin.
Vor allem der für die Wirtschaft des Landes wichtige private Konsum legte um 0,2 Prozent zu. Einige Volkswirte hatten hier mit einem Minus gerechnet.
Für Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy kommen die Nachrichten zum richtigen Zeitpunkt. Er bewirbt sich für eine zweite Amtszeit. Wirtschaftlich ist das Land angeschlagen und hat seine Topbonitätsnote eingebüßt. Sarkozy wird für die Misere verantwortlich gemacht. Mit einer Reformpolitik im Stil der Agenda 2010 des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) will er Frankreich zurück zu alter Größe führen.
In Spanien schrumpfte die Wirtschaftsleistung um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Im dritten Vierteljahr stagnierte die Wirtschaft des unter der Schuldenkrise leidenden Landes. Die Aussichten sind nicht rosig: Die spanische Notenbank erwartet für das Gesamtjahr ein Minus von 1,5 Prozent.
Ministerpräsident Rajoy verkündete neue Einsparungen
Angesichts dieser Prognose wird es schwierig für die konservative Regierung, wie geplant das Haushaltsdefizit auf 4,4 Prozent in diesem Jahr zu verringern. Im vergangenen Jahr soll der Fehlbetrag nach spanischen Angaben bei acht Prozent gelegen haben. Doch an diesen Zahlen gibt es offenbar Zweifel. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters werfen EU-Vertreter der Regierung in Madrid vor, die Zahlen absichtlich schlecht zu rechnen, um mehr Zeit für den Defizitabbau zu bekommen.
Wie in anderen Schuldenländern auch ächzt die Wirtschaft unter der Sparpolitik der Regierung. Der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat nach seinem Amtsantritt neue Einschnitte angekündigt. In Brüssel wird die Entwicklung mit Sorge verfolgt. Wegen großer wirtschaftlicher Ungleichgewichte setzte Währungskommissar Olli Rehn das Land auf die Beobachtungsliste. Das Land leide weiterhin unter der geplatzten Immobilien- und Kreditblase.
Eine Demonstrantin schwenkt während einer Kundgebung in Lissabon die portugiesische Flagge
Die Rezession in dem südwesteuropäischen Land hat sich im vierten Quartal beschleunigt. Die Wirtschaft schrumpfte um 1,3 Prozent. Im Vorquartal hatte das Minus nur 0,6 Prozent betragen. Volkswirte sagen für Portugal nach 2011 ein weiteres Krisenjahr voraus. Die Prognosen reichen von Minus drei bis sechs Prozent.
Portugal erhält ein internationales Hilfspaket von 78 Mrd. Euro, um vor der Pleite gerettet zu werden. Der von den Geldgebern erzwungene harte Sparkurs und schwierige Finanzierungsbedingungen belasten das Land. Am Mittwoch beginnt die Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds mit der Überprüfung der Fortschritte des Landes. Bisher stellten die Kontrolleure der Regierung in Lissabon ein gutes Zeugnis aus.
Premierminister Pedro Passos Coelho hatte beim letzten EU-Gipfel versichert, sein Land werde weder um mehr Geld noch um mehr Zeit für Reformen bitten. Problem bleibt die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der portugiesischen Wirtschaft. Das Land verfügt über keine nennenswerte Industrie und ist in hohem Maß vom Konsum abhängig, der wegen der Sparpolitik darniederliegt.
Eine Fahne der Niederlande an der holländischen Nordseeküste
Die Niederlande zählten bislang nicht zu den Krisenländern: Im vierten Quartal rutschte das Land jedoch in die Rezession. Die Wirtschaft schrumpfte nach Angaben der Statistikbehörde um 0,7 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Schon im Zeitraum Juli bis September war die Wirtschaftsleistung um 0,4 Prozent zurückgegangen.
Konsum und Exporte waren nach Angaben des Statistikamtes rückläufig. Der Konsum sei bereits das vierte Quartal in Folge geschrumpft, sagte ein Behördensprecher. Und auch die Bautätigkeit habe nachgelassen.
Die schlechte Wirtschaftslage könnte die Mitte-Rechts-Minderheitsregierung zu neuen Einschnitten veranlassen. Sie hat bereits einen Sparkurs eingeschlagen, um das Defizit bis 2015 unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukt zu drücken. Die Niederlande sind eins von fünf Euro-Ländern, die noch über die höchste Bonitätsnote verfügen.
Weitere Einsparungen sind jedoch nur schwer umsetzbar, weil sich die rechtspopulistische Freiheitspartei von Geert Wilders querlegt. Sie duldet die Regierung aus Rechtsliberalen und Christdemokraten.
(Mit Agenturen)
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