Angesichts wachsender Kritik kündigte der britische Bankenverband BBA an, nach falschen Angaben zu suchen und betroffene Banken zu sanktionieren.
Daraufhin schossen die Zinssätze für Dreimonatsgeld kräftig nach oben. Vor allem Dollar-Ausleihungen waren davon betroffen. Der Dreimonatssatz verteuerte sich von 2,73 auf 2,82 Prozent, der stärkste Anstieg seit August 2007.
Im Kern geht es um die Festsetzung der London Interbank Offered Rate (Libor). Dieser extrem wichtige Referenzzinssatz soll abbilden, zu welchen Konditionen sich Banken gegenseitig Geld leihen. Der Libor hat eine hohe Bedeutung für die Kreditwirtschaft, weil die Zinssätze variabler Kredite und viele andere Zinsgeschäfte an den Libor gekoppelt sind. Allerdings glauben immer weniger Marktteilnehmer daran, dass die ausgewiesenen Zinssätze derzeit realistisch sind.
"Wir glauben, dass der Libor die aktuellen Sätze, zu denen sich Banken Geld leihen können, um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte unterschätzt", schrieb jüngst die Citigroup in einer Studie. Das liegt Marktteilnehmern zufolge an der Art, wie der Libor-Stand derzeit ermittelt wird. Dazu befragt die BBA eine feste Gruppe Banken, zu welchen Konditionen sie anderen Banken Geld leihen würden.
Das Problem: Die BBA veröffentlicht die Angaben der einzelnen Institute. Geben Banken realistische Zinssätze an, könnten Konkurrenten daraus Rückschlüsse auf die Refinanzierungskosten der meldenden Bank ziehen. Ein hoher Geldmarktsatz könnte anderen signalisieren, dass die betreffende Bank derzeit selbst viel zahlen muss, um an Geld zu kommen. Das wäre ein mögliches Krisensignal.
Anreiz für realistische Angaben gering
Dresdner-Kleinwort-Analyst Christoph Rieger hat die Art der Libor-Festsetzung daher bereits als "systemisches Schlüsselrisiko" bezeichnet. Der Anreiz, realistische Angaben zu machen, ist daher sehr gering, zumal die Banken nicht gezwungen sind, zu den ausgewiesenen Konditionen tatsächlich Geld zu verleihen.
Besonders stark sollen die Libor-Sätze für Dollar-Ausleihungen abweichen, sagt Riccardo Barbieri, Zinsanalyst der Bank of America. Das legt auch die Studie der Citigroup nahe. Sie verglich das Libor-Niveau mit den Zinssätzen, die Banken bei Auktionen der US-Notenbank Fed zu zahlen bereit waren. Dort lagen die Sätze immer wieder deutlich höher.
"Wenn die Probleme in den nächsten Wochen und Monaten andauern, werden die Marktteilnehmer alternative Referenzsätze berücksichtigen müssen", so Rieger. Das gehe nicht von heute auf morgen. Daher hält Barbieri es für wahrscheinlicher, dass die Branche daran arbeiten wird, den Libor zuverlässiger zu machen.