Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Ein kleiner Schritt für JP Morgan , ein großer für die Markthygiene? Optimistisch betrachtet könnte der für JP Morgan (bisher) überschaubare Verlust in Höhe von rund einem Prozent des Eigenkapitals eine Debatte neu entfachen, in der es nicht nur um das Verbot des Eigenhandels bei Banken geht, sondern um Grundsätzlicheres. Um die Geschäftsmodelle der Banken und um Bilanzierungsmethoden.
Dass eine Universalbank, die Teil des Einlagensicherungssystems ist und Zugang zu Zentralbankgeld hat, durch spekulative Handelsgeschäfte solche Summen verliert, ist ein Thema. Inwieweit Banken dieser Größenordnung kontrollierbar sind - und JPM gilt sogar als Pionier der Risikokontrolle - und im Markt noch tätig sein können, ohne ihn gleich zu verzerren, ein weiteres. Ein allgemeineres Thema ist, wie aussagekräftig Bilanzen heute noch sind.
Dank JPMs Handelsverlusts steht das Risikomaß Value-at-Risk (VAR) - maximaler Verlust in einer bestimmten Zeitspanne bei einem bestimmten Konfidenzniveau - erneut im Fokus. Dass JPM diese Kennziffer ex post für das den Verlust produzierende Chief Investment Office von 67 auf 129 Mio. Dollar fast verdoppelt hat, sagt einiges. Dass der Verlust bis dato aber 2 Mrd. Dollar beträgt, fast alles. Der Finanzautor Frank Partnoy weist darauf hin, dass auch bei der Barings Bank, bei LTCM, bei Enron und natürlich bei den Wall-Street-Banken im Oktober 2008 die zuletzt gemeldeten VAR nichts mit den tatsächlich erlittenen Verlusten zu tun hatten.
Wie auch. Erstens wird durch plötzlich auftretende Marktilliquidität jedes Modell hinfällig. Zweitens beruht VAR wie alle finanzmathematischen Modelle auf historischen Annahmen. Welche sich insbesondere für Volatilitäten und Korrelationen nicht fortschreiben lassen. Denn wären die Märkte so berechenbar, würden ja nicht stets aufs Neue Hunderttausende überbezahlte Banker und Fondsmanager versuchen, sie zu schlagen.
Woraus sich nur die immergleiche Schlussfolgerung ziehen lässt, dass derjenige, der in diesen Märkten sein Glück versucht, mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet sein sollte, um keinem zur Last zu fallen, falls seine Wette nicht aufgeht. Doch hier liegt bekanntlich das Problem, dass einerseits zur Maximierung der Eigenkapitalrendite das Eigenkapital immer weiter runtergefahren wurde und andererseits die Werthaltigkeit der Bilanzen immer weiter nachgelassen hat. Hier gilt es nun, die bisherigen Trends wieder rückgängig zu machen.