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Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   24.08.2009, 11:00 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: China - Land voller Rätsel  

Gehört eigentlich nur der Nachholbedarf beim Konsum, oder auch der bei Umweltschutz, Arbeitsicherheit und politischer Freiheit zur Wachstumsfantasie von China?
Jedem Banker aus Frankfurt oder London wird auf seinen Reisen durch das chinesische Hinterland sofort auffallen, dass dort deutlich weniger Cayennes, BMW  X6 oder einfache Mini Coopers gefahren werden als in seiner Heimatstadt. Ähnlichen Nachholbedarf stellt er beim Konsum von Jahrgangschampagner, Rinderfilets und Gänseleber oder auch dem Tragen einer Rolex, Brioni-Anzügen oder Budapester Lederschuhen fest. Von Bausparverträgen, Berufsunfähigkeitsversicherungen und Funktionswäsche ganz zu schweigen.
Insofern kann man die Euphorie der Bankstrategen hinsichtlich der mittelfristigen Wachstumsperspektiven von China durchaus verstehen. Eine chinakritische Analystenstudie ist derzeit schwerer aufzutreiben als eine noch nicht gesperrte staatskritische chinesische Internetseite. Dabei hätten wir zwei Fragen, die wir den Strategen der Wertpapierhäuser gern stellen würden. Regelmäßig äußern sie sich ja lobend zu den, nennen wir es unkomplizierten, Entscheidungswegen in China. Erkennt die alleinherrschende Partei, dass das Wirtschaftswachstum unter acht Prozent zu kippen droht, dann wird eben gehandelt. Etwa indem man den Banken sagt, wie viel Kredit sie an die Kunden zu verteilen haben, indem Steueranreize geschaffen oder Infrastrukturprojekte angeschoben werden. Das geht ruck, zuck, keine langen Debatten nötig. Kein Wunder, dass die westlichen Bankangestellten da wehmütig werden. Welch unsägliche Warterei wurde ihnen abverlangt, bis die Bankenrettungspakete endlich durch die parlamentarischen Instanzen gejagt wurden und sie mit ihrem bisherigen Treiben fast ungestört weitermachen konnten. Unsere Frage diesbezüglich: Würden die westlichen Broker China runterstufen, wenn sich die Diktatur in eine Demokratie wandeln würde? Wäre dann Schluss mit den stabilen, selten überraschenden Quartalswachstumszahlen, wie sie die Amerikaner lange Jahre in ähnlicher Form auch von General Electric  goutierten?
Die zweite Frage ergibt sich aus der Lektüre von Schlagzeilen, die China innerhalb eines Monats generierte. Wir zitieren: 202 Menschen in Nordchina werden durch Ammoniak-Austritt geschädigt, der durch schlecht ausgebildetes Personal und alte Rohre hervorgerufen wurde. Dorfbewohner in Südchina protestieren, nachdem bereits zwei bis fünf Menschen durch Abflüsse einer illegal operierenden Chemiefabrik getötet wurden und die Äcker von Tausenden Bauern vergiftet wurden. 1200 Arbeitern in Westchina, die seit Inbetriebnahme einer gegenüberliegenden Chemiefabrik über Übelkeit klagten, bescheinigten staatliche Behörden eine pathologische Massenhysterie. Und zuletzt die 1354 Kinder, die in der Provinz Hunan an einem überdurchschnittlichen Bleigehalt im Blut litten, wie ihre 851 gleichaltrigen Leidensgenossen in der benachbarten Provinz. Beide Male hatten die Kinder das Pech, in der Nähe von Bleihütten zu leben. Wie gesagt, Meldungen der letzten vier Wochen.
Unsere Frage diesbezüglich: Könnten diese unterirdischen Umweltstandards (von Arbeitssicherheitsstandards ganz zu schweigen) sich irgendwann nachteilig auf Chinas Wirtschaftswachstum und den Kostenvorteil auswirken, oder sind sie wiederum Teil des Wachstumsszenarios, schließlich bedeutet Nachholbedarf ja auch immer Arbeitsplätze und Umsatz, oder? Ein wirklich aufregendes Land, dieses China. Voller offener Fragen.
17:36:54 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
General Electric 19,21 USD   +0,47%  0.09
BMW 63,59 EUR   +2,95%  1.82
  • Aus der FTD vom 24.08.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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