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  FTD-Serie: Wissen, was die Märkte bewegt

Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   19.01.2010, 20:29 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: Die Rendite der Entmenschlichung

In der Freizeit konsumieren wir, und während der Arbeitszeit steigern wir unsere Produktivität dermaßen, dass wir morgen noch mehr unnützes Zeugs kaufen können. Die Schwachen bleiben auf der Strecke: Aus der ökonomischen wird eine Sinnkrise: Und die Anleger schauen wie immer weg.

Die Anleger sind bekanntlich hartgesottene Burschen. Deshalb kann man ihnen auch nicht vorwerfen, dass sie nicht erkennen können, wie Gewinnsucht, Produktivitätsrausch und Konsumwahn die Lebensqualität in den westlichen Gesellschaften seit rund 20 Jahren zusehends zerstören.

Wie die einhergehende Umverteilung nicht nur die unteren Schichten und das gemeine Volk benachteiligt, verdrießt oder entwürdigt, sondern sogar die Gewinner des Spiels zu Verlierern werden lässt, weil ihnen vor lauter Umsatz- und Ertragsmaximierung jede Menschlichkeit abhandenkommt. Wie sich die Menschen innerlich von der Gesellschaft verabschieden, seien es Mittellose oder seien es Vorstandsvorsitzende.

Wollen wir das auch?   Wollen wir das auch?

Wer sich ausnahmsweise eine Minute der Muße gestattet und seinen Tagesablauf Revue passieren lässt, wird schnell feststellen, dass in unserer Freizeit im Grunde keine einzige Sekunde verstreicht, in der wir nicht konsumieren: Nach dem Aufstehen schalten wir Licht, Radio und Heizung an, machen uns Kaffee, duschen, bekleiden uns, fahren mit der S-Bahn zur Arbeit ... kommen von dort mit dem reparierten Auto über den Umweg zu einem Warenhaus nach Hause, trinken ein Bierchen, telefonieren, schmieren uns eine Stulle, zeigen den Kindern das neueste Spielzeug, planen im Netz die nächste Reise, gehen zum Konzert, machen noch einen Abstecher ins Lieblingsbistro, schlafen vor dem Fernseher ein.

Gleichwohl verlangt unser ökonomisches System - und noch kennen wir kein besseres -, dass wir unablässig mehr konsumieren, damit Massenarbeitslosigkeit und Verelendung abgewendet werden können. So wird aus der ökonomischen eine Sinnkrise, von der Ausbeutung der Erde mal ganz zu schweigen. Was wir wohl eigentlich bräuchten, wäre eine ökonomische Theorie des Schrumpfens. Unter anderem müsste sie vermutlich daran ansetzen, dass wir in der Schule nicht mehr nur den Nachwuchs der Produzenten und Konsumenten großziehen, sondern Menschen das Menschsein lehren.

Den Anlegern könnte das alles egal sein, wenn sie sich sicher sein könnten, dass dennoch alles so weitergehen wird wie gehabt. Können sie aber nicht. An und für sich müssten sie deshalb mit zusätzlichen politischen, sozialen und ökonomischen Unwägbarkeiten rechnen. Das ist schwer. Doch wollen die Anleger es überhaupt? Über die vergangenen zehn Jahre sollten sie eigentlich gelernt haben, wie es sich rächt, wenn sich große Unsicherheiten nicht in hohen (Aktien-)Risikoprämien niederschlagen.

Doch im Gegenteil: Seit mindestens zwei Jahren wissen wir zwar, dass die überschuldete, aus den Fugen geratene Weltwirtschaft nicht mal mehr auf Sicht von zwölf Monaten zu prognostizieren ist. Aber an der Weltleitbörse geben sich die Anleger mit einer Dividendenrendite von zwei Prozent zufrieden. In der Hoffnung auf den schnellen Gewinn lässt man sich von den Aktienstrategen trotzdem versichern, dass die Risikoprämie immer noch rund fünf Prozentpunkte betrage. Kollektiver Selbstbetrug.

  • Aus der FTD vom 20.01.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland
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