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Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   13.01.2011, 18:11 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: Eine Frage an unsere keynesianischen Freunde

Dass Jean-Claude Trichet Zinserhöhungen auch nur andeutet, dürfte die nachfrageorientierten Ökonomen schäumen lassen. Wir haben mal wieder Verständnisprobleme - und daher eine Frage.
Den Donnerstagnachmittag hätten wir gerne mit ein paar von unseren keynesianischen Freunden verbracht. Wäre herrlich gewesen mitanzusehen, wie Jean-Claude Trichet  ihnen die Zornesröte ins Gesicht getrieben hat. Dass der EZB-Präsident Zinserhöhungen auch nur erwägt, dürfte die Vorurteile gewisser Kreise gegenüber der als starrsinnig empfundenen europäischen Geldpolitik jedenfalls noch verstärkt haben.
Realer Leitzins im Euro-Raum   Realer Leitzins im Euro-Raum
Schließlich geht die vorläufig geschätzte Dezemberpreissteigerungsrate von 2,2 Prozent bloß auf die Rohstoffpreise zurück, deren steiler Anstieg ja bestimmt nichts mit der Geldpolitik des Westens zu tun hat. Oder auf administrierte Preise, gegen welche die Geldpolitik gar nichts ausrichten kann. Im keynesianschen Weltbild darf der Staat zwar so viel Geld ausgeben, wie er will, aber wenn er zur Finanzierung den Kapitalmarkt anzapft, gelten die folglich etwaig steigenden Anleiherenditen als Gift, weswegen die Zentralbank schleunigst ein Gegengift zu verabreichen hat (Geld). Refinanziert sich der Staat hingegen über indirekte Steuern oder Gebührenerhöhungen und steigt somit die Inflation, hat die Zentralbank gefälligst stillzuhalten.
Weswegen sich die Inflationsrate im Euro-Raum seit Ende 2006 im Mittel auf 1,94 Prozent beläuft, obwohl das reale BIP immer noch unter dem Niveau von Ende 2006 liegt, kommt den meisten nachfrageorientierten Ökonomen als Frage nicht mal in den Sinn. Wen interessiert schon die Angebotsseite der Wirtschaft, das Ausmaß der Kapitalfehlallokation vor der Krise, die Bedeutung der sehr niedrigen Investitionen für das Produktionspotenzial, die Bildungsmisere, die Qualifikationsverluste und strukturellen Umbrüche auf den Arbeitsmärkten oder die gesellschaftliche Alterung? Und wenn die Importpreise künftig eher steigen als fallen sollten, etwa weil die Löhne und Währungen in den Schwellenländern anziehen: Was hat die EZB damit zu tun?
Nein, die EZB ist mal wieder auf dem völlig falschen Dampfer und hat sich gefälligst an den geschundenen Ländern in der Euro-Peripherie zu orientieren. Und genau das wird sie vermutlich auch tun, weswegen Zinserhöhungen noch lange auf sich warten lassen dürften, zumal die zuversichtlichen Weltwirtschaftsprognosen auf ungemütlich wackeligen Beinen stehen. Aber eine - eher theoretische - Frage an unsere keynesianischen Freunde hätten wir schon: Ab welcher Inflationsrate dürfte die EZB ihren Leitzins von einem Prozent eigentlich anheben? Drei Prozent, fünf Prozent, 15 Prozent?
  • Aus der FTD vom 14.01.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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