Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Sind die Aktienanleger vielleicht gar nicht so unbedacht, wie man es schon mit Blick auf die wüste Kursentwicklung der vergangenen fünfzehn Jahre befürchten muss? Die jüngste Fondsmanager-Umfrage von Bank of America Merrill Lynch hat jedenfalls ein erstaunliches Ergebnis hervorgebracht. Danach rechnen die befragten institutionellen Vermögensverwalter im Durchschnitt damit, dass die Fed erst dann wieder zuschlagen werde, wenn der S&P 500 auf 1141 Zähler zurückfalle. Am Mittwoch gegen 16 Uhr notierte der Welt-Leitindex bei rund 1365 Punkten, womit impliziert ist, dass die Kurse zunächst um rund ein Sechstel fallen müssten, bevor die Fed sich zum Einschreiten genötigt sieht.
Die Ahnung der Profis scheint insofern plausibel, als es der Fed schwerfallen dürfte, die Geldschleusen weiter zu öffnen, wenn die Kernverbraucherpreise um 2,2 Prozent zulegen, die Rendite auf zehnjährige Staatsanleihen bei 1,5 Prozent liegt, die Verzinsung von 30-jährigen "BAA"-Firmenanleihen auf 4,85 Prozent gesunken ist, die Sätze auf Hypotheken mit derselben Laufzeit unter 3,7 Prozent gerutscht sind, der S&P 500 mit dem 15,4-Fachen des GAAP-Gewinns der vergangenen vier Quartale notiert und der reale handelsgewichtete Dollar auf einem Niveau dümpelt, das seit Erstberechnung nur in 38 von 473 Monaten niedriger war als derzeit.
Gemessen an der Differenz zwischen nominalen und realen, an das Preisniveau gekoppelten zehnjährigen Staatsanleihen belaufen sich die US-Inflationserwartungen für die kommenden zehn Jahre auf 2,1 Prozent. Auch so gesehen hätte die Fed es derzeit recht schwer, weitere Geldspritzen mit der Abwehr von Deflationsgefahren zu erklären. Das wäre erst dann wieder einleuchtend, wenn die Inflationserwartungen deutlich unter zwei Prozent fallen würden. Da der US-Aktienmarkt seit Jahren eng mit den Inflationserwartungen zusammenläuft, liefe das jedoch auf deutlich sinkende Kurse hinaus. Die 1141-Punkte-Vermutung der Vermögensverwalter ist also auch in dieser Hinsicht verständlich.
Stellt sich die Frage, warum die Masse der Anleger in der Hoffnung auf weitere monetäre Notmaßnahmen 1365 Zähler für den S&P auf den Tisch legt, wenn einiges dafür spricht, dass Aktien erst noch beträchtlich sinken müssen, bevor die Fed das nächste Kursfeuerwerk anfacht. Viele wetten darauf, dass die Fed aus Sorge um den Arbeitsmarkt schon sehr bald vorbeugend agieren wird, um nicht in den Ruch der Einmischung in die Präsidentschaftswahl im November zu geraten. Aber was würde das denn noch bewirken, wenn eh schon alle damit rechnen?