Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Die Finanzmärkte sind eine Börse für große Legenden, und die Broker leben bekanntlich ganz gut davon, diese zu verbreiten. In den späten 90ern wurde eine Geschichte vom ewig zweistelligen Gewinnwachstum erzählt, in den 2000er-Jahren kannten die Hauspreise - und somit das Vermögen und die Kreditaufnahmefähigkeit der Verbraucher - plötzlich keine Beschränkungen mehr, und jetzt werden die unbegrenzten Verschuldungsmöglichkeiten der noch verbliebenen Länder mit guter Bonität propagiert, da die hohen Gewinne der Firmen ohne die Defizite der Staaten ja gar nicht denkbar wären.
Eine andere, damit zusammenhängende Legende bezieht sich auf die Bewertung von Aktien, die als unschlagbar billig gelten. Argumentiert wird etwa damit, dass sogar die Dividendenrendite über der Rendite von zehnjährigen Staatsanleihen liege; dabei war das in den USA seit 1871 in mehr als drei Fünfteln der Zeit der Fall. Auch wird gern von "hohen" Dividendenrenditen gesprochen, obgleich der MSCI AC Welt gerade mal 2,8 Prozent abwirft.
Und dann ist da natürlich noch das Markt-KGV, das sich selbstredend immer auf zukünftige Gewinne bezieht, nicht selten auch auf obskur bereinigte "operative" Gewinne je Aktie. So notiert Europa auf Basis der Schätzungen für 2013 mit einem KGV von kaum mehr als zehn. Hört sich gut an. Bloß haben sieben Werte im Stoxx 600 in Ermangelung von Gewinnen überhaupt kein 2013er-KGV. Weitere 13 Titel haben ein 2013er-KGV zwischen 30 und 408. 44 Aktien notieren mit einem 2013er-KGV zwischen 20 und 30. 134 Firmen werden mit einem 2013er-KGV zwischen 14 und 20 bewertet. Und von 179 Aktien mit einstelligem 2013er-KGV kommen 64 aus der Finanzbranche, womit sie unbewertbar sind. Dass die 2013er-Schätzungen für Europa im freien Fall sind, ist da nur noch eine Randnotiz.