Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Nestlé erhöht die Verkaufspreise - und die Aktionäre sind aus dem Häuschen. In der Zone Nord- und Südamerika beispielsweise berichtet die Firma von einem organischen Wachstum von 5,7 Prozent im ersten Halbjahr, bei einem internen Realwachstum von minus 0,1 Prozent. Die Anleger sind so begeistert, dass sie dem Unternehmen nunmehr einen Marktwert von fast 200 Mrd. Franken zubilligen - bei einem Umsatz von 44,1 Mrd. Franken im ersten Halbjahr. Damit hat die Firma einen höheren Marktwert als alle 50 MDAX-Mitglieder zusammen, denen für 2012 ein Umsatz von 315 Mrd. Euro vorhergesagt wird.
Wie die Grafik zeigt, hat sich der Kurs der Schweizer inzwischen völlig vom geschätzten Gewinn entkoppelt. Mit einem 2012er-KGV von 18 ist Nestlé deutlich höher bewertet als Google (15), wobei der US-Firma zwischen 2011 und 2014 eine gute Verdopplung des Umsatzes prognostiziert wird.
Natürlich hoffen die Anleger darauf, dass die Gruppe, die im ersten Halbjahr 72 Prozent des Umsatzes in Nord- und Südamerika sowie in Europa erzielt hat, in den Schwellenländern noch lange erheblich wachsen wird. Aber heißt es nicht zu Recht, dass der Anteil der Ausgaben für Nahrungsmittel und Getränke am Gesamtkonsum mit zunehmendem Wohlstand sinkt? In den USA machten Lebensmittel und Getränke 1947 fast 25 Prozent der privaten Konsumausgaben aus. Im vergangenen Jahr waren es noch 7,6 Prozent. Selbst wenn die Schwellenländer den erhofften Wohlstand erzielen, wäre das Sektorwachstum demnach wohl eher begrenzt.
Dennoch lieben die Anleger den Sektor und vor allem Nestlé, da sie glauben, dass die tolle Marke es der Firma erlauben wird, Marktanteile zu gewinnen oder Preiserhöhungen durchzusetzen. Doch wie preiswürdig können die Produkte der Firma sein, wenn ein Umsatz von 44,1 Mrd. Franken trotz Marketing- und Verwaltungskosten von 9,6 Mrd. Franken einen Betriebsgewinn von 6,6 Mrd. Franken abwirft? Die Anleger sollten es sich besser genau überlegen. Denn die Aktie ist so bewertet, dass nicht mal die kleinste Kleinigkeit schiefgehen darf.