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  FTD-Serie: Wissen, was die Märkte bewegt

Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   24.02.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: Ökonomen unter Demokratieschock

Wenn die Ökonomen ihre Prognosen im Sommer eindampfen müssen, wird das nichts mit dem fundamentalen Zustand der Weltwirtschaft zu tun haben. Schuld wird wie immer ein Schock sein. Er ist sogar schon da - und braucht nur noch einen richtigen Namen.
Ökonomen sind große Klasse darin, Umfragewerte zu interpretieren. Steigen Geschäftsklima-, Verbrauchervertrauens- oder Einkaufsmanagerindizes, dann bestätigt das ihre Meinung eines breit angelegten Aufschwungs. Geben diese Indikatoren von hohem Niveaus aus etwas nach, sind sie absolut betrachtet immer noch stark genug. Weisen die Konjunkturwegweiser ungemütlicher nach unten, muss indes ein unvorhersehbares Ereignis im Spiel sein, das alle Überlegungen über den Haufen geworfen hat. Die Ökonomen sprechen dann von einem Schock, einem Lehman- oder Ölpreisschock etwa.
Industrieproduktion der entwickelten Länder   Industrieproduktion der entwickelten Länder
Wenn die echten Makrodaten nicht mit jenen der Klimaindikatoren zusammenpassen wollen, ist das auch kein Problem, dann liegt das halt am Wetter. So kommt es, dass die schwache Wirtschaftsentwicklung im vierten Quartal keinen echten Ökonomen anficht. Dass das reale BIP Eurolands, Großbritanniens, Japans und Amerikas seit dem zweiten Quartal 2009 von Quartal zu Quartal um ungefähr neun Prozent unter jenem Wert geblieben ist, der sich aufgrund des exponentiellen Vorkrisentrends ergeben würde, ist ja auch egal.
Ein V ist ein V, und wen interessieren schon die Arbeitslosen, wenn die Börse doch steigt? Wen würde schon der Umstand stutzig machen, dass die westliche Wirtschaft nicht mal mehr dann überdurchschnittlich wächst, wenn die Industrieländer zwei Jahre in Folge Defizite in Höhe des deutschen BIPs fabrizieren - und das auch noch mit zinslosem Zentralbankgeld finanziert?
Nein, wenn die Ökonomen im Sommer ihre Prognosen einkassieren müssen, wird das bestimmt nichts mit Privatschulden, Bankensystemen, Einkommensverteilung oder Wettbewerbsschwäche zu tun haben. Nichts mit der auf Sand gebauten Wirtschaft Chinas. Nichts damit, dass an der Börse die nächste Blase geplatzt ist. Nichts mit der Staatsfinanzierungskrise, die Teile Europa und einige Regionen Amerikas betrifft und sich jederzeit auf Washington oder Tokio ausdehnen könnte.
Nichts mit der schwachen realen Einkommensentwicklung in den meisten westlichen Ländern, die durch die staatlichen Einschnitte noch verschlimmert wird. Nichts damit, dass sich die Terms of Trade des Euroraums schon im Dezember um 6,6 Prozent zum Vorjahr verschlechtert hatten. Nein, die Ökonomen fangen bereits damit an, die Aufstände in Arabien als Risiko für ihre Prognosen einzuführen. Nur wissen sie noch nicht so genau, wie sie diesen Schock nennen sollen. Wie wäre es mit Demokratieschock?
  • Aus der FTD vom 24.02.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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