Es kommt, wie es kommen musste: dass die Gewinne vor lauter Gewinnsucht fallen. An der Börse lautet das Zauberwort seit Jahren Free Cashflow. Damit ist gemeint, dass die Investitionen der Firmen doch bitte unterhalb ihrer operativen Mittelzuflüsse bleiben sollen, sodass sich ein Finanzierungsüberschuss ergibt, der dann für Dividenden, Aktienrückkäufe, Übernahmen oder Schuldentilgung verwendet werden kann.
Da die Firmen ihre Schulden tatsächlich jedoch nie reduzieren, eher im Gegenteil, läuft die Unternehmenspolitik der Free-Cashflow-Generierung letztlich darauf hinaus, dass Überschüsse erzielt werden, die, in welcher Form auch immer, vor allem dem betuchtesten Teil der Gesellschaften zugute kommen, dessen marginale Konsumneigung gegen null tendiert. In einer weitgehend überschuldeten Welt, in der öffentliche wie private Haushalte auf Konsolidierung oder gar auf Kredittilgung aus sind, hilft es dann auch nicht mehr viel, dass die Finanzierungsüberschüsse der Firmen das Zinsniveau möglicherweise drücken.
Wie die Mittelmeerländer zeigen, kann sogar das genaue Gegenteil eintreten, sobald die Ökonomien nur weit genug destabilisiert sind. Eine Destabilisierung ist aber nur eine Frage der Zeit, wenn die Firmen netto kaum noch investieren und insgesamt vermutlich vor allem dem Rationalisierungsmotiv folgen.
Neue Anlagen wollen hergestellt und sodann bedient werden, weswegen Nettoinvestitionen nicht nur Beschäftigung und Einkommen verheißen, sondern auch die Staatshaushalte (steigende Einnahmen, sinkende Sozialausgaben) sowie die Bankbilanzen (weniger Kreditausfälle) entlasten. Unterbleiben Nettoinvestitionen und bleiben die Volkswirtschaften daher unter ihren Möglichkeiten, steigen Arbeitslosigkeit, Staatsschulden und notleidende Kredite hingegen unentwegt, zumal die Reallöhne und damit die Kaufkraft der Verbraucher vermutlich noch stärker unter Druck geraten, als es in einigen Industrieländern schon seit Jahrzehnten der Fall ist. Das ist der Grund, weshalb man stutzig werden sollte, wenn die Volkswirte sagen, dass über die kommenden Jahre zumindest mit einem schwachen Wachstum gerechnet werden könne. Ein schwaches Wachstum ist nicht stabil.
Dass die Nettoinvestitionen der Firmen in den Industrieländern seit Jahren verschwindend gering sind, lässt sich anhand von vielen Statistiken belegen. Doch warum sind die Investitionen so niedrig geblieben, wo doch über Jahre hinweg Gewinnmargen in der Nähe von früher ungeahnten Rekorden verzeichnet wurden? Laut Morgan Stanley ist der Anteil der Investitionen am Umsatz der nichtfinanziellen Firmen im MSCI Europa auf den niedrigsten je gemessenen Stand gefallen, derweil die Nachsteuergewinnspanne auf das Doppelte der früher üblichen Niveaus gestiegen ist. Wieso stellen hohe Gewinne keinen Investitionsanreiz mehr dar?
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Grundsätzlich kommen für die Investitionsschwäche viele Gründe in Betracht, zyklische (Überkapazitäten) ebenso wie finanzielle (Überschuldung, Realzinsen), strukturelle (Oligopolisierung/mangelnder Wettbewerb) und psychologische (Investitionsfalle oder irrationale Renditeerwartungen). Gerade die hohen Margen sprechen allerdings gegen das Argument der Überkapazitäten, derweil bei einer Umlaufrendite von 3,6 Prozent auf deutsche Firmenanleihen wohl auch das finanzielle Argument eine untergeordnete Rolle spielen dürfte.
Auf die strukturellen Aspekte hingegen deutet vieles hin, denn selbst in Italien und in Spanien wird den nichtfinanziellen Firmen heuer eine Nachsteuermarge von 5,4 und 6,2 Prozent des Umsatzes vorhergesagt (Griechenland: 6,8). Und dass Mentalität und Vergütungssysteme in vielen Führungsetagen inzwischen derart versaut sind, dass Investitionen schon gar nicht mehr erwogen werden, wenn sie nicht das Doppelte der Kapitalkosten versprechen, spürt jeder, der die Wirtschaft beobachtet. Nur sind solche Investitionsprojekte rar. Weshalb die auf Investitionen angewiesenen ökonomischen Systeme der Reihe nach kippen. Und die Mittelüberschüsse der Firmen trotz Investitionsknauserigkeit sinken. Es kommt, wie gesagt, wie es kommen musste.