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  FTD-Serie: Wissen, was die Märkte bewegt

Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   28.08.2008, 20:38 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: Sie wollen es immer noch glauben  

Die US-Makro-Zahlen werden immer sonderbarer. Aber die Anleger wollen sie glauben – und zahlen einen hohen Preis.
Wie machen die USA das bloß? Der Arbeitsmarktstatistik zufolge ist die nichtagrarische Beschäftigung im zweiten Quartal mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent gefallen - trotz hehrer Annahmen bezüglich des Stellenaufbaus durch Firmenneugründungen. Die Baubeginne haben neuerlich um knapp elf Prozent nachgelassen, und der Autoabsatz ist im Vergleich zum Vorquartal sogar mit einer annualisierten Rate von einem Viertel eingebrochen. Der US-Ölverbrauch ist im ersten Halbjahr so stark gesunken wie seit 26 Jahren nicht mehr. Kurzum: So ziemlich alles, was man mengenmäßig zählen kann, deutet auf ein wirtschaftliches Drama hin und bestätigt damit die Klagen über das US-Geschäft der Firmen rund um die Welt. Aber nein, laut offizieller Lesart sind die USA im zweiten Quartal um 3,3 Prozent gewachsen. Dass der Außenbeitrag (Exporte plus 13,2 Prozent, Importe minus 7,6 Prozent) 3,1 Prozentpunkte dazu beigesteuert hat, lässt die Sache zunächst plausibel anmuten, ist angesichts des vermeldeten Rückgangs der Industrieproduktion um 3,2 Prozent dennoch irgendwie ein starkes Stück.
Aber die Anleger glauben es (genauer gesagt: wollen es glauben). Deshalb schauen sie in den USA auch nur auf das Budgetdefizit des Bundes, das sich heuer auf nicht mal drei Prozent des BIP belaufen soll, während die OECD ein gesamtstaatliches (wie bei allen anderen) Defizit von 5,5 Prozent des BIP wähnt. Stattdessen freuen sich die Anleger darüber, dass der US-Konsumdeflator für Gebrauchsgüter seit 1995 inzwischen um gut 22 Prozent gefallen ist und damit gerade noch doppelt so hoch sein soll wie in den 50ern. Überhaupt beflügelt jegliches Geldmengenwachstum höchstens noch die Vermögenspreise, nicht aber die Verbraucherpreise, deren Hauptbestandteil zum Glück aus geschätzten kalkulatorischen Mieten besteht. Keine Zweifel daher auch daran, dass Lehrer, Schauspieler, Friseure, Altenpfleger, Hausangestellte, Rechtsanwälte, Agenten oder Taxifahrer ihre Produktivität Jahr für Jahr um mehr als zwei Prozent steigern können.
Zum Dank an alle jene, die ihnen das abnehmen, haben die USA noch ein ganz besonderes Schmankerl parat: die liquidesten und damit attraktivsten Finanzmärkte der Welt. Daher war es für sie auch kein Problem, über die vergangenen zehn Jahre ein Leistungsbilanzdefizit von kumuliert 5 177 Mrd. $ zu stopfen. Was die Liebhaber von US-Aktiva davon hatten, sieht man vermutlich am besten daran, dass sich die Nettovermögensposition der USA gegenüber dem Ausland in dieser Zeit aber nur um 1 662 Mrd. $ verschlechtert hat. Da müssen die Finanziers der USA also ein richtig gutes Geschäft gemacht haben. Im zweiten Quartal haben sich die nominalen Nettoexporte der USA übrigens auf einen annualisierten Wert von minus 710 Mrd $ belaufen, dem höchsten Defizit seit vier Quartalen. Nicht zu fassen, dass der Dax auf die US-BIP-Zahlen um 1,6 Prozent gesprungen ist.
  • Aus der FTD vom 29.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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