Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
Man kennt es längst, und doch kommt einem die Börse dieser Tage ganz und gar unwirklich vor. Europa spart mitten in eine Rezession hinein, und die Anleger wundern sich über schwache Konjunkturdaten sowie über eine politische Destabilisierung, mit der bei 24,55 Millionen Arbeitslosen in der EU keiner rechnen konnte.
Die hiesigen Warenausfuhren nach Frankreich und in die Niederlande übertrafen jene in das investitionsblasengeprägte China 2011 mit dem Faktor 2,64, und nach Italien, wo das Konsumklima auf ein neues Tief gesackt ist, gingen ähnlich viele Güter wie nach China, doch den Rückgang der Exportauftragskomponente im deutschen Industrie-PMI auf 43,4 Zähler vermochte niemand abzusehen. Worüber sich die Börse am Montag jedoch einig war, ist, dass es mit der europäischen Sparpolitik so nicht weitergehen könne, nein, dass auch etwas fürs Wachstum getan werden müsse. Spanische Staatsanleihen, mit denen das Wachstum finanziert werden könnte, will indes keiner kaufen.
Fast ironischer-, aber nicht zufälligerweise fallen die jüngsten Panikattacken auf den Aktienmärkten in eine Zeit, in der die Firmen davon berichten, wie sie ihre rekordverdächtigen Margen noch zu erhöhen gedenken. Für 2012 werden sogar den nichtfinanziellen Firmen Griechenlands, Portugals, Irlands, Spaniens und Italiens Nachsteuergewinne in Höhe von 6,5, 4,5, 5,3, 6,6 und 5,7 Prozent des Umsatzes vorhergesagt. Das ist ungeheuerlich und deutet an, in welch jämmerlichem Zustand die Produktmärkte Europas nach Jahren ungezügelter Oligopolisierung sein müssen. Statt Einsicht zu zeigen, gieren die Anleger aber nach weiterer Konsolidierung.
Dass das konjunkturelle Ungemach - und damit der Druck auf Staatshaushalte und Bankbilanzen - zu einem guten Teil auf die im Verhältnis zu den Gewinnen mickrigen Firmeninvestitionen zurückgeht, ist dabei gar nicht mehr zu übersehen. Im Grunde müssten die Anleger da auf eine sofortige Umverteilung vom Firmensektor auf den Rest der Ökonomie hoffen. Bevor sich andere Parteien daranmachen, die weniger zimperlich vorgehen werden.