Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.
In der letzten "Kapital"-Kolumne den großen Wurf, die endgültige Prognose zu machen wäre aus mehreren Gründen albern. Es fängt mit der Vermessenheit an, überhaupt die Zukunft vorhersagen zu wollen. Das Analysieren der Gegenwart und selbst die Deutung der Vergangenheit sind bereits kühne und stets kontroverse Unterfangen. "Das Kapital" hat daher seinen Fokus auf die Beschreibung der Gegenwart gelegt, wiewohl diese meist den Keim zukünftiger Trends, Ungleichgewichte und Risiken beinhaltet. Das Prognoseproblem bleibt bestehen, allein schon, weil Anpassungsfähigkeit und Innovationskraft nicht erfasst werden können. Ein Glück, dass es diese Menschengaben gibt: Sonst wären wir bei Fortschreibung der alten Trends schon lange tot.
Auch "Das Kapital" würde gern behaupten, in den vergangenen 13 Jahren Lernkurven durchlaufen zu haben. Etwa bei den Themen Zusammenspiel von Staat und Privatwirtschaft, Steuerwesen, unternehmerischer Verantwortung über die Gewinnmaximierung hinaus sowie Grenzen des Kapitalismus und der Märkte. Wobei wir weiterhin die Aussagekraft von Preisen, die in funktionierenden Märkten ermittelt werden, über die von allen anderen stellen. Nur leidet diese Aussagekraft an den vieles verzerrenden Staats-und Notenbankinterventionen. Die Probleme, die die Zentralbanken schaffen oder zu lösen glauben, sind für sich jedoch wiederum nur ein weiterer winziger Baustein des komplexen Ganzen, das die Gegenwart ist.
Dieser Komplexität wegen - deren Existenz uns durch die Lektüre unglaublich kluger Thesen von unglaublich klugen Köpfen stets bestätigt wird - stützte sich "Das Kapital" auch schon mal auf eine wenig wissenschaftliche, dafür oft zuverlässige Quelle: das Bauchgefühl. Auch bekannt als der Instinkt der bei Ökonomen oft verpönten schwäbischen Hausfrau.
Dieser würden wir jedoch eine Bewertung der Sinnhaftigkeit von CDOs, Fracking, genmanipulierten Saaten et cetera eher zutrauen als den Experten. Diese Hausfrau täte sich ungleich schwerer als die Experten, das westliche Schuldenmodell zu verteidigen und zu erklären, warum es stets die Schuld der anderen ist, wenn jemand über seine Verhältnisse lebt. Und was weitere Geldspritzen für Länder helfen sollen, in denen auf jeden wertschaffenden Bürger eine nicht tragfähige Anzahl steuerhinterziehender Millionäre kommt, könnte ihr eh keiner klarmachen. Und uns damit auch nicht.
Irren ist menschlich
Warum sich also an Prognosen abrackern, wenn schon die Gegenwartsbeschreibung so spannend wie notwendig ist. Denn die Fälle, in denen nicht mehr das Faktum selbst die Wahrnehmung der Leser und Bürger bestimmt, sondern die Lautstärke, mit der jemand dieses Faktum (auch falsch) beschreibt, nehmen zu. Sei es, dass die USA trotz 47 Millionen Essenmarkenbeziehern immer noch als Wirtschaftswunderland gelten und dass Steuern als wachstumsfeindliche Bürde gebrandmarkt werden. Aber auch die Verteufelung von Leerverkäufern oder das Heraufbeschwören Deutschlands als die omnipotente Solvenz, die Europa retten könnte, hält sich. Und dass Geschäfts- und andere Firmenberichte sich in Stil und Inhalt an Kleinkinder zu wenden scheinen, kann man nicht oft genug anprangern.
Dennoch verfällt "Das Kapital" keinem Kulturpessimismus. Wenn es, auch aus eigener Erfahrung, eines gelernt hat, dann das: Irren ist menschlich, und für ein Problem gibt es selten die eine Lösung.
Daraus folgt, wie wichtig Pluralismus und eine funktionierende Gewaltenteilung sind. Für deren Fortbestand wiederum ist eine kritische und breit gefächerte Presselandschaft ein Grundpfeiler.
In diesem Sinne kann "Das Kapital" abschließend nur warnen: Traue keinem, der behauptet, die Wahrheit zu kennen. Und jage ihn zum Teufel, wenn er keine andere Sichtweise toleriert.