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Inflation oder Deflation, Rezession oder Depression? Setzen staatliche Hilfspakete an der richtigen Stelle an, wie wirken sie sich auf Devisen und Börsen aus? Sollte man auf Gold, Renten oder Aktien setzen? Welche Sektoren und Firmen sind vielversprechend, welche Fusionen überflüssig? "Das Kapital", die führende Kolumne für Finanzmarktthemen, gibt pointierte Antworten.

Merken   Drucken   24.01.2011, 12:00 Schriftgröße: AAA

Das Kapital: Vom Primat der Politik zum Primat der Nettomarge

Dass die Firmen bester Stimmung sind, wundert nicht. Aber bilden Indikatoren wie der Ifo auch noch die Lage des gemeinen Volkes ab? Schert sich die Politik überhaupt darum? Ein paar Eindrücke nach mehr als zehn Jahren Finanzmarktbeobachtung.
Der Leser möge einen Blick auf die Grafik werfen. Darin wird die Ifo-Erwartungskomponente für die Industrie mit der annualisierten Sechsmonatsveränderungsrate der Industrieproduktion in den entwickelten Ländern verglichen.
Früher hätte die rote Linie Spuren hinterlassen   Früher hätte die rote Linie Spuren hinterlassen
Der Kontrast zwischen Stimmung und Lage könnte kaum größer sein, und daran änderte sich auch wenig, wenn man statt der westlichen Industrieproduktion jene der ganzen Welt abtragen würde. Dass die realen Warenexporte Deutschlands im November bloß noch um zwei Prozent höher ausfielen als im Mai, ist ein weiterer Aspekt, der angesichts der überbordenden Stimmung gern übersehen wird. Schließlich sei Deutschland jetzt die Konjunkturlokomotive der Erde - wobei die realen Wareneinfuhren im November allerdings unter dem Niveau vom Mai lagen.
Dennoch hat die Wirtschaft allen Grund zum Jubeln, und das Ifo-Institut selbst deutet an, warum dem so ist. Denn obwohl das verarbeitende Gewerbe zur Spitzenproduktion vom Februar 2008 noch 7,6 Prozent aufzuholen hat, diagnostizieren die Münchner eine inzwischen überdurchschnittliche Kapazitätsauslastung. Dazu passt der Anstieg der Erzeugerpreise von 5,2 Prozent zum Vorjahr (3,7 Prozent ohne Energie) - bei einem Rückgang der Lohnstückkosten um 7,3 Prozent. Ja, die Firmen verdienen prächtig, für Europa werden heuer neue Rekordgewinnspannen erwartet, und genau das kommt in den Stimmungsindikatoren zum Ausdruck, wie auch die französischen oder belgischen Werte zeigen.
Gegen die Wand
Nur hat das seinen Preis - und mittelfristig vielleicht sogar einen hohen politischen Preis. Denn worauf gehen die Gewinne zurück? Nach mehr als zehn Jahren der Finanzmarktbeobachtung in einer globalisierten, der Sucht nach schnellem Gewinn unterliegenden Welt lässt es sich so zusammenfassen: Die Firmen wollen keine Löhne zahlen, keine Sachinvestitionen tätigen, keine Entwicklungsmark zu viel ausgeben, keine Steuern berappen, aber kostenloses Bauland bei jeder Errichtung einer neuen Anlage, begleitende Forschungszuschüsse und vielerlei sonstige Zuckerchen. Doch trotz der entsprechend niedrigen privaten Einkommen und der schwachen Staatseinnahmen wollen die Firmen hohe Umsätze, weshalb die Zentralbanken zunächst eine private Kreditsause finanziert haben und dann eine öffentliche. In der Konsequenz erzielen die deutschen Firmen seit 2004 Finanzierungsüberschüsse. Für die im MSCI Europa enthaltenen nichtfinanziellen Firmen wird für 2011 ein Mittelüberschuss nach Investitionen von sage und schreibe sechs Prozent des Umsatzes geschätzt. Pervers.
Aber obwohl die Firmen ihre Sachinvestitionen heute nicht mehr kreditfinanzieren müssen, haben sie hohe Schulden, im Euro-Raum etwa sind es inklusive Pensionsverpflichtungen 9673 Mrd. Euro. Der Grund liegt auf der Hand: riesige Ausschüttungen in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen - und natürlich riesige Budgets für die Übernahmen anderer Firmen, um Preismacht, Führungsgehälter sowie Gewinn weiter zu erhöhen. So kommt es, dass jeder Rohstoffpreisanstieg trotz unfassbarer Margen sofort auf die Verkaufspreise übergewälzt werden muss - überproportional, versteht sich, damit die Analysten auch zufrieden sind. Und so ist die Inflationsrate in der EU trotz einer vermeintlich beträchtlichen Produktionslücke auf 2,6 Prozent gestiegen. Dass dies alles nur einem recht kleinen Teil der Bevölkerung zugutekommt, während der große Rest die Kosten zu tragen hat, kann täglich beobachten, wer offenen Auges durch unsere Straßen läuft.
Die Politiker hoffen darauf, dass Markt und Wettbewerb alles von alleine regeln. Aber wann soll das sein? Noch bevor sie ihre Länder vollends an die fiskalische Wand gefahren haben? Doch statt gegenzusteuern, redet sich die Politik - wie auch bei der Bankenregulierung - damit heraus, dass heute kein Land der Erde mehr wirtschaftspolitische Alleingänge wagen könne, weil Kapital und Eliten sonst flüchten würden. Aber wie glaubhaft ist das? Glaubhaft wäre es dann, wenn bei jedem EU- oder G20-Treffen entsprechende Initiativen wenigstens diskutiert würden. Nichts dergleichen ist je der Fall. Sollten Politiker nicht dem ganzen Volk dienen?
  • Aus der FTD vom 24.01.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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