Dossier
In den USA ist gerade der neue Disney-Film "Enchanted" ("Verwünscht") angelaufen. Er handelt von einer Trickfilmprinzessin, die sich plötzlich im realen New York der Gegenwart wiederfindet. Klingt hübsch - im wirklichen Leben verzaubert die Disney-Aktie die Anleger derzeit jedoch kaum. von Jens Korte
Ob Prinzessin Giselle auch den Weg an die Wall Street findet? Prinzessinnen stehen zumindest hoch im Kurs. Der Markt rund um den Mädchentraum ist auf rund 4 Mrd. $ angeschwollen. Das Cinderella-Schloss wird täglich von Horden Drei- bis Sechsjähriger in Ballkleidern bestürmt. Die Kleinen lassen sich die Nägel lackieren, ein Make-up verpassen oder die Haare möglichst majestätisch richten. Um das Marktpotenzial zu erweitern, zielt Disney mit Prinzessinnen-Krippen oder Windelunterlagen jetzt auch auf Neugeborene ab.
Szenen aus dem Pixar-Film "Findet Nemo" und dem Disney-Film "Fluch der Karibik 3"
Die Investoren an der Wall Street waren von der Disney-Aktie im bisherigen Jahresverlauf jedoch weniger verzaubert. Nachdem der Kurs im April mit rund 36 $ den höchsten Stand seit Dezember 2000 erreicht hatte, ging es mit der Aktie in den vergangenen Monaten abwärts. Dabei fielen die jüngsten Geschäftszahlen durchaus vielversprechend aus. Trotz Anzeichen einer konjunkturellen Abschwächung in den USA meldeten die Vergnügungsparks ein Gewinnwachstum von neun Prozent im vierten Quartal. Die Mediensparte schaffte sogar ein Wachstum von 25 Prozent und die Sparte Consumer Products einen Anstieg um zehn Prozent. Lediglich die Filmstudios konnten an die Erfolge wie "Fluch der Karibik" aus dem Vorjahr nicht anknüpfen und meldeten einen Einbruch um 21 Prozent.
Der schwache Dollar, der gegenüber dem Euro erst in dieser Woche auf ein neues Rekordtief gefallen ist, kam Walt Disney nicht ungelegen. "Zum einen ist die USA-Reise etwa für Europäer und Japaner günstiger geworden. Zum anderen ist die Europareise für Amerikaner teurer geworden", sagt David Bank, Medienanalyst von RBC Capital Markets. Weshalb der Familienurlaub häufig auf Disneyland oder Disney World beschränkt wird. Allerdings kühlt die US-Konjunktur ab. "Bisher zeigt sich das bei den Besucherzahlen noch nicht. Doch viele Investoren fürchten, dass sich das ändern könnte. Diese Sorge hat die Aktie zuletzt belastet", sagt Bank.
Ähnlich wird die Situation für die Medien- und TV-Sparte eingeschätzt. Im abgelaufenen Quartal verbuchte vor allem der Sportsender ESPN Zuwächse. Ebenfalls zu Disney gehört der Kabelsender ABC. Bei geringerem Wirtschaftswachstum oder eventuell sogar einer Rezession in den USA dürften die Werbeeinnahmen deutlich sinken. "Disney ist ein Makro-Call", sagt David Joyce, Analyst von Miller Tabak. "So wie die US-Konjunktur läuft auch die Disney-Aktie." Im abgelaufenen Geschäftsjahr wurde der Gewinn konzernweit von knapp 3,4 auf über 4,5 Mrd. $ gesteigert. Laut Citigroup-Analyst Jason Bazinet wird der Gewinn 2008 auf unter 4,3 Mrd. $ abkühlen.
Als wachstumsreichster Geschäftszweig gilt der Consumer- Products-Bereich mit dem Lizenzgeschäft. Walt Disney sei die Premiummarke schlechthin im Unterhaltungssektor, sagt Analyst Bank. Um die Marken besser zu nutzen, entwickelt Disney verstärkt eigene Videospiele rund um die Kinofilme. "Das Risiko ist zwar etwas größer, als wenn man die Entwicklung Dritten überlässt. Aber dafür ist auch der potenzielle Gewinn deutlich höher", sagte Bank. Laut einer jüngsten Bloomberg-Erhebung empfehlen 18 von 30 Analysten die Aktie zum Kauf. Zwölf Analysten bewerten die Aktie mit halten. Doch so wie Joyce und Bank schätzen für den Moment die meisten Experten die derzeitige Situation ein: Sollte die US-Konjunktur weiter abkühlen, gilt Disney nicht als das Investment der Stunde. Doch bei einer Wiederbelebung der US-Wirtschaft könnte es einer der Profiteure sein.
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