FTD.de » Finanzen » Aktien + Märkte » Marktberichte Aktien » Energieagentur warnt vor Ölkrise
Merken   Drucken   09.07.2007, 21:33 Schriftgröße: AAA

Energieagentur warnt vor Ölkrise

Die Internationale Energieagentur (IEA) hat vor einer Angebotskrise auf dem Ölmarkt ab 2010 gewarnt. Hinter der erstaunlich deutlichen Wortwahl steckt ein bestimmtes Kalkül.
von Tobias Bayer und Doris Grass (Frankfurt)

"Trotz eines Produktionsanstiegs bei Biokraftstoffen und diverser Förderprojekte in den kommenden Jahren werden die freien Kapazitäten der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) auf ein ungemütlich niedriges Niveau sinken", schreibt die IEA in ihrem mittelfristigen Ölausblick, der eine Februarprognose aktualisiert. Am Montag kletterte der Brent-Rohölpreis im Tagesverlauf bis auf 76,34 $ je Barrel (entspricht 159 Litern). Das ist der höchste Stand seit elf Monaten.

Hoher Preis   Hoher Preis

Die Warnung ist selbst für die IEA außergewöhnlich deutlich. Die Interessenvertretung der westlichen Verbraucherländer beschreibt die Situation auf dem Ölmarkt gewöhnlich in drastischen Worten, um nicht zuletzt die Opec zu einer Fördererhöhung zu bewegen. Dass die IEA aber explizit von "Krise" spricht, ist neu. Experten vermuten, dass die IEA die Industriestaaten zu einem Umdenken in ihrer Energiepolitik bewegen und dabei die Hoffnung auf Biokraftstoffe relativieren will.

Zentral für die Argumentation der IEA ist die starke Nachfrage aus China und Indien. Die Pariser Organisation rechnet mit einem durchschnittlichen Wachstum des weltweiten Ölbedarfs von 2,2 Prozent zwischen 2007 und 2012. Diesem rasanten Anstieg steht nur ein begrenztes Angebot gegenüber. Besonders in Nicht-Opec-Staaten wie Kanada oder Mexiko wird mit starken Rückgängen des Rohölausstoßes gerechnet. Die Abhängigkeit großer Verbraucherländer vom Förderkartell Opec wird also wachsen, was insbesondere für die USA alarmierend ist.

Biodiesel ist keine Lösung

Angesichts hoher Benzinpreise will der Kongress in einem Gesetzesentwurf Kartellklagen gegen Opec-Staaten ermöglichen. Ethanol und Biodiesel - im Konzept von US-Präsident George W. Bush nehmen sie einen zentralen Platz ein - seien allein kein Ausweg aus der Krise, warnt die IEA: "Das ist nur ein marginaler Faktor. Der Ethanolverbrauch wird Ende 2012 nur sechs Prozent der weltweiten Benzinnachfrage ausmachen. Der Biodieselkonsum wird bei einem Prozent liegen."

Steigender Bedarf   Steigender Bedarf

Der Bericht der IEA könnte auch ein Weckruf für die Finanzmärkte sein. Diese sehen die Ölpreisentwicklung trotz der jüngsten Steigerungen aktuell noch entspannter als 2006. Zu Unrecht, findet Michael Lewis, Leiter Rohstoffresearch bei der Deutschen Bank: "Derzeit wird die Wahrscheinlichkeit einer Preisspitze von 90 $ mit nur zehn Prozent beziffert. Im vergangenen Jahr waren es noch 25 Prozent." Dabei sprächen mehrere Faktoren, etwa die Gefahr von Wirbelstürmen in den USA, für größere Vorsicht. Vor dem Hintergrund neuer Übergriffe in Nigeria und eines möglichen Streiks brasilianischer Ölarbeiter sehen einige Analysten den Rekord von 78,40 $ je Barrel vom Juli 2006 wieder in Reichweite. "Angesichts dieses Stimmungsumfeldes ist ein Test der historischen Höchststände in den nächsten Tagen durchaus möglich", sagte Andy Sommer, Ölanalyst bei der HSH Nordbank.

Inflations- statt Wachstumsgefahr

Auch die Börsianer sehen im Ölpreis zunehmend wieder ein Risiko: "Dank der guten Weltkonjunktur geht vom Ölpreis keine Wachstums-, sondern eine Inflationsgefahr aus. Wenn Öl wieder die Schlagzeilen beherrscht, könnte das psychologisch bedingt zu Gewinnmitnahmen im größeren Stil führen", sagte Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus & Burkhardt. Norbert Braems, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim, ist besonders besorgt über die große Abhängigkeit vom Nahen Osten: "Beim Rohöl haben wir heute keine starke Diversifikation mehr aus stabilen Ländern wie es früher war. Heute sind wir vor allem auf den Nahen Osten angewiesen - das kann explodieren."

Hervé Prettre, Leiter Rohstoff- und Aktienresearch bei Credit Suisse, sieht die Entwicklung beim Öl gelassener: "Die Energieeffizienz Europas und USA hat sich über die Jahrzehnte verbessert. Und der Effekt eines höheren Ölpreises auf den US-Verbraucher ist begrenzt."

  • Aus der FTD vom 10.07.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
Immobilien-Kompass
Immobilien-Kompass Deutschlands beste Wohnlagen

Preise, Mieten und Prognosen für Deutschlands Metropolen und Regionen mit detaillierten Übersichtskarten

Jetzt eigene Wohnlage prüfen

 
Anstatt FTD.de lese ich künftig ... Zum Ergebnis
Alle Umfragen
In eigener Sache
  • An Kiosks in der ganzen Republik hieß es am letzten Erscheinungstag der FTD: Zeitung vergriffen! Der Hype um die Schlussausgabe trieb merkwürdige Blüten. Der Verlag druckte 30.000 Exemplare nach. Wer keines abbekam - bestellen ist möglich. mehr

  •  
  • blättern
Zwischen Leben und Arbeiten
Work-Life-Balance

Die FTD hat zusammen mit dem GfK Verein die umfassendste bundesweite Studie zum Thema Work-Life-Balance veröffentlicht. Die Ergebnisse und mehr zum Thema finden Sie hier. Die Studie können Sie hier kaufen. mehr

Folgen Sie der FTD auf Twitter
Werden Sie Fan der FTD auf Facebook
  • Sie waren ein Herzstück der Zeitung und pointiert, scharf, teils brillant: Ihre Kolumnen, Leitartikel und Kommentare haben die FTD entscheidend geprägt. Zum letzten Mal: Unsere Kolumnisten sagen, was Sache ist. mehr

  •  
  • blättern
© 1999 - 2013 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Impressum | Datenschutz | Nutzungsbasierte Online Werbung | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

Geldanlage | Altersvorsorge | Versicherung | Steuern | Arbeitsmarkt | Energiewende | Ökostrom | Auto | Quiz | IQ-Test | Allgemeinwissen | Solitär | Markensammler