Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die hohen Erwartungen dr Börsen enttäuscht. Sowohl die Kurse in Europa als auch in den USA gaben deutlich nach. Im Kampf gegen die Euro-Krise hält sich die EZB - anders als von manchem Händler erhofft - zunächst mit Ankäufen von Anleihen klammer Euro-Schuldenstaaten zurück. "Draghi hat nichts gesagt, was aufregend war, und uns vorgeführt wie einen Haufen Trottel beim Poker", zeigte sich Todd Schoenberger von der BlackBay Group in New York verärgert. "Die Investoren und die Händler sind sauer."
Der Dow Jones mit den 30 Standardwerten sank um 1,1 Prozent auf 12.829 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 sank ebenfalls um 1,1 Prozent auf 1359 Zähler. Die Nasdaq verlor 0,6 Prozent auf 2903 Zähler. Auch Anleger in Deutschland reagierten enttäuscht: Der DAX ging mit einem Minus von 2,2 Prozent bei 6606 Punkten aus dem Handel.
Christian Schulz, Analyst bei der Berenberg Bank, wertete die Äußerungen der Zentralbank dennoch als positiv: "Das ist ein starkes Signal. Das bedeutet eine ernsthafte Intervention der EZB." Sie werde allerdings wohl nur eingreifen, wenn ein Land ein ESM-Programm habe und der ESM müsse zunächst einmal um Hilfe gebeten werden. "Das heißt, dass Bedingungen zu erfüllen sind von Ländern wie Italien und Spanien. Und das heißt auch, Deutschland, die Niederlanden oder Finnland werden möglicherweise ein Vetorecht haben." Am Markt überwog aber die Enttäuschung: Der Euro fiel in der Spitze auf 1,2132 Dollar zurück, nachdem er zuvor zeitweise auf einem Vier-Wochen-Hoch von 1,2404 Dollar notiert hatte. Der italienische und spanische Leitindex rutschten um bis zu 4,6 beziehungsweise 5,3 Prozent ab. Auch an den Rohstoffmärkten machte sich Enttäuschung breit.
Zu den größten Verlierern an den Aktienmärkten zählten europaweit die Finanzwerte: Deren Branchenindex brach um knapp drei Prozent ein. Vor allem italienische und spanische Titel mussten deutlich Federn lassen. Im DAX gaben Commerzbank und Deutsche Bank 6,2 beziehungsweise 5,3 Prozent nach. Als einer der wenigen DAX-Aktien hielten sich Beiersdorf im Plus. Die Papiere verteuerten im deutschen Leitindex sich um bis zu 7,8 Prozent auf ein Rekordhoch von 57,30 Euro. Anleger honorierten, dass der neue Vorstandschef Stefan Heidenreich die Schwerpunkte anders setzt als sein Vorgänger Thomas-Bernd Quaas, der das Unternehmen bis April geführt hatte. Er will den Kosmetikhersteller durch stärkeres Wachstum außerhalb Europas von Krisen unabhängiger machen.
In der vergangenen Woche hatte Draghi versprochen, dass die Notenbank im Rahmen ihres Mandates alles tun werde, um den Euro vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Die Aktienmärkte stiegen daraufhin deutlich. Draghi erteilte nun Vorschlägen eine Absage, wonach der künftige Rettungsschirm ESM mit einer Banklizenz ausgestattet werden soll, um direkt Geld von der EZB zu bekommen. Dies würde gegen europäisches Recht verstoßen, sagte der Notenbankchef.
Bei den Einzelwerten in den USA standen Aktien von General Motors in den USA im Interesse der Anleger. Der Opel-Mutterkonzern verdiente im Frühjahrsquartal deutlich mehr als erwartet. Allerdings schreibt die Europatochter wegen der Krise tiefrote Zahlen. Die GM-Aktie verlor 2,2 Prozent.
Die Aktie des Pharmakonzerns Bristol-Myers Squibb geriet unter die Räder. Das Papier notierte mehr als sieben Prozent im Minus, nachdem ein hochrangiger Manager wegen des Verdachts auf Insider-Handel festgenommen wurde.
Der größte US-Lebensversicherer Metlife will trotz der vergleichsweise niedrigen Renditen für amerikanische Staatsanleihen seine längerfristigen Ziele erreichen. Konzernchef Steve Kandarian sagte, in diesem und kommendem Jahr wirkten sich die gesunkenen Zinsen nicht auf den Gewinn aus. Die Aktie stieg um 5,5 Prozent.
Papiere des Cornflakes-Herstellers Kellogg wurden mit einem Plus von 2,8 Prozent gehandelt. Das Unternehmen kämpft zwar mit einem Umsatz-Rückgang in Europa. Dieser fiel im zweiten Quartal aber geringer aus, als im ersten. Der Konzern hielt an seinen Jahreszielen fest.