Auf den ersten Blick wirken die aktuellen Zahlen zu Börsengängen in den USA vielversprechend: Von April bis Juni stiegen die Emissionserlöse auf ein Rekordniveau von 17,1 Mrd. Dollar . Allerdings gingen 16 Mrd. Dollar davon an Facebook - das entspricht einem Anteil von 94 Prozent. Die Anzahl der Börsengänge von risikokapitalfinanzierten Unternehmen ging im Vergleich zum Vorquartal um 42 Prozent auf elf zurück. Im Vorjahreszeitraum waren es noch 22.
"Der Traum von stabilen Aktienmärkten für Erstemissionen, der im ersten Quartal wahr zu werden schien, wurde von einer verschlechterten Wirtschaftslage in Europa und Facebooks enttäuschendem und problematischem Debüt zunichtegemacht", sagte Jessica Canning, Forschungsleiterin von Dow Jones Venture Source. Sowohl der Informationsdienst Dow Jones als auch der Branchenverband National Venture Capital Association in Kooperation mit Thomson Reuters legten am Montagabend Zahlen zur Marktentwicklung vor.
Facebooks Erstnotierung Mitte Mai wurde als einer der wichtigsten Momente in der Geschichte der Börsengänge bejubelt und war mit riesigen Erwartungen verknüpft. Risikokapitalgeber und Investoren hofften auf eine Wiederbelebung des Marktes für Börsengänge, der seit dem dritten Quartal 2011 stockt. Doch der Gang aufs Parkett endete aus mehreren Gründen in einer Bauchlandung. Investoren begannen im Vorfeld, am Wachstumstempo der Werbeerlöse zu zweifeln; Facebook und die begleitende Bank Morgan Stanley verärgerten mit dem Ausgabepreis und der Zahl auszugebender Aktien, die beide kurz vor Börsenstart erhöht wurden. Die Börse Nasdaq vermasselte das Debüt mit technischen Pannen.
Rund 180 Unternehmen haben bei der US-Börsenaufsicht den Antrag auf Erstemission gestellt, allerdings hat noch keines einen Termin festgesetzt. Internetunternehmen wie das Reiseportal Kayak oder der Netzwerksicherheitsexperte Palo Alto Networks haben ihre Börsengänge verschoben.
Das südkalifornische Startup Servicenow ließ sich vom Facebook-Kater und der Schuldenkrise in Europa nicht vom Börsengang abbringen. Die Wette ging auf. Der Anbieter internetbasierter Softwaredienstleistungen verzeichnete am ersten Handelstag am vergangenen Freitag einen Kurssprung von 37 Prozent auf 24,60 Dollar. Der Erfolg hat nach Ansicht von Servicenow-Chef Frank Slootman in erster Linie damit zu tun, dass Anbieter von Unternehmens-IT transparentere Geschäftsmodelle bieten als sozialen Medien.
Dennoch ging dem Debüt an der New York Stock Exchange Slootman zufolge eine beträchtliche Nervosität voraus. "Wir waren schon Anfang Juni bereit, verschoben dann aber - vor allem, weil wir nicht zwischen den beiden griechischen Wahlen an die Börse wollten", sagte er im Gespräch mit der FTD.
Slootmans begleitende Bank war ebenfalls Morgan Stanley. Die riet ihm angesichts des Facebook-Debakels zu einem konservativen Ausgabepreis von 18 Dollar. "Wir hätten mit einem höheren Preis zwar mehr Geld für uns einsammeln können", sagte der Servicenow-Chef. "Aber ich wünsche denjenigen viel Glück, die ihre Aktie zu einem Preis verkaufen, bei dem die Investoren nicht sofort Geld verdienen - das ist das Rezept für einen Flop." Slootman, der 2007 den Speicherspezialisten Data Domain an die Nasdaq brachte, ist zuversichtlich, dass der erfolgreiche Börsengang Nachahmer ermutigen wird: "Die Märkte sind immer offen für Unternehmen mit starken Aktivposten."
Doch selbst wenn keine Bewegung in den Markt kommen sollte, muss es für Wagniskapitalgeber auf der Suche nach Ausstiegsstrategien kein schlechtes Jahr werden. "Der IPO-Rückstau, gekoppelt mit dem weiterhin gesunden Markt für Übernahmen, legt nahe, dass 2012 ein gutes Jahr für risikokapitalfinanzierte Exits werden könnte - wenn sich die Märkte stabilisieren", sagte Mark Heesen, Präsident des Branchenverbands National Venture Capital Association am Montag.
Im zweiten Quartal wurden 102 mit Wagniskapital finanzierte Startups verkauft. Die 27 Deals, deren Kaufpreis veröffentlicht wurde, waren 5,5 Mrd. Dollar wert - ein Plus von 61 Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Auch das dritte Quartal lässt sich gut an: Microsoft will den Kauf des Startups Yammer für 1,2 Mrd. Dollar abschließen.