Wahlbörse 2005
Die Unionsaktie lag am Freitag Mittag mit 39,92 Wahleuro fast exakt auf Vortagesniveau. Ein Wahlergebnis von unter 40 Prozent, mit dem CDU und CSU zurzeit gehandelt werden, wäre aber für Kanzlerkandidatin Angela Merkel eine herbe Enttäuschung. Dass es für ihre Partei nach der wochenlangen Talfahrt nicht noch weiter runterging, mag auch an ihrem Fernsehauftritt am Donnerstagabend im ZDF gelegen haben. Dort machte sie klar, dass sie Stoibers Position inhaltlich überhaupt nicht teilt. Sie vermied es aber geschickt, den bayerischen Ministerpräsidenten persönlich anzugreifen. Außerdem wirkte die CDU-Chefin bei den Sachthemen sattelfest. Ein neuer Brutto-netto-Lapsus unterlief ihr nicht, nur einmal nannte sie den FDP-Grafen Lambsdorff "Herr Lambsdorff". Wäre das einem Westdeutschen auch passiert?
Bei den anderen Parteien ist ebenfalls wenig Bewegung. Die SPD sinkt mit 30,40 Wahleuro um 0,16 Prozent. FDP und Grüne verharren mit 7,20 beziehungsweise 8,16 Wahleuro genau bei ihren Kursen des Vortages. Die Linkspartei klettert um 0,85 Prozent auf 10,69 Wahleuro. Die Partei von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi kann sich offenbar oberhalb der 10-Euro-Unterstützungslinie halten. Auffallend ist, dass die Partei der Sonstigen um 7,3 Prozent auf 3,68 Wahleuro steigt. Der Streit um Stoibers Äußerungen verunsichert wohl Wähler und Börsianer.
Koalitionen unter Druck
Tiefe Spuren hinterlässt die aktuelle Debatte am Markt für einzelne Koalitionen. Das schwarz-gelbe Bündnis stürzt um 5,46 Prozent auf 45 Wahleuro ab. Die große Koalition sinkt leicht auf 53,50 Wahleuro. Rot-Grün notiert nur noch mit 0,10 Wahleuro, wird also für sehr unwahrscheinlich gehalten. Auffallend ist die Notierung für ein Bündnis aus SPD, Grünen und Linkspartei: Zwar wird es mit 0,29 Wahleuro auf einem absolut gesehen niedrigen Kurs gehandelt. Der hat aber innerhalb eines Tages um 383 Prozent zugelegt. Hier haben wir es wohl mit einem Zockerpapier zu tun.
Die Aktie "Linkspartei im Osten" hat weitere 5,56 Prozent auf 58,49 Wahleuro gewonnen. Die Börsianer gehen also zurzeit davon aus, dass die Partei in Ostdeutschland stärkste Kraft wird.
In der kommenden Woche kann Kanzlerkandidatin Merkel weiter daran arbeiten, das Blatt für die Union wieder zu wenden. Am Montag hat sie in Wittenberge ihren ersten Wahlkampfauftritt in Ostdeutschland. Am Mittwoch oder Donnerstag will sie dann ihr Kompetenzteam vorstellen, mit dem sie die Regierung Schröder in den Schatten stellen möchte. Der Amtsinhaber wird zwischen seinen sonstigen Wahlkampfauftritten am Donnerstagabend bei Maybritt Illner im ZDF versuchen, seine bekannten Fernsehqualitäten auszuspielen.