Die Grundidee ist denkbar einfach: Professionelle Investoren bei Investmentbanken und Fondsgesellschaften achten auf Nachzügleraktien, sobald sich die aktuelle Börsensaison dem Ende zuneigt. Ihr Motiv: Falls der Markt im Schlussquartal nochmals alle Kräfte mobilisiert und zu einer renditestarken Jahresendrally durchstartet, versprechen Außenseiterpapiere satte Kursgewinne.
Die Attraktivität dieser nicht ganz ungefährlichen, im Erfolgsfall aber umso lohnenderen Taktik lässt sich statistisch belegen. Zum Beispiel beim DAX : Im vierten Quartal legten Bummleraktien in den zurückliegenden zehn Jahren oft einen Zahn zu. Im Schnitt konnte man seit 2001 mit den Saisonverlierern der ersten drei Quartale von Oktober bis Dezember im Vergleich zum Leitindex eine Überrendite von rund zwölf Prozentpunkten erzielen.
Ähnlich lukrative Muster finden sich bei anderen europäischen Indizes wie dem Euro Stoxx 50 oder dem britischen FTSE 100 . Auf die Aktienmauerblümchen fiel mehr vorweihnachtlicher Glanz als auf die Anlegerlieblinge des Jahres. Auch hier gilt das Motto "Die Letzten werden die Ersten sein".
Die Loserstrategie hat aber ihre Tücken. Meistens funktioniert sie nur sehr kurze Zeit. Herausragende Renditen mit Nachzüglern lassen sich nur erzielen, wenn man die Werte zum Start der neuen Anlagesaison wieder aus dem Depot entfernt. Die Ursache: Viele Fondsmanager stellen ihre Positionen glatt, bevor sie ins neue Börsenjahr starten. Anleger, die den Minusmachern über Silvester treu bleiben, laufen Gefahr, den angesammelten Jahresendbonus hernach wieder zu verspielen.
Eine vielversprechende Variante der Stiefkinderstrategie liefert in kursstarken Börsenphasen besonders üppige Überrenditen. Der Kniff: Statt im gesamten Index nach trödeligen Titeln zu stöbern, grenzen clevere Anleger die Suche auf Topbranchen ein, die der Börse bislang vorauseilen. Wer innerhalb der Gewinnerindustrien auf Kursbremser setzt, verbessert seine Chancen, wertvolle Pluspunkte einzustreichen. Die Außenseiter-Spitzenreiter-Auslese hätte einer Studie der US-Investmentbank Morgan Stanley zufolge das S&P-500-Barometer seit 1994 um zehn Prozentpunkte pro Jahr übertroffen.
Das FTD-Schwestermagazin BÖRSE ONLINE hat das Investmentprinzip auf Europa übertragen und innerhalb des 600 Mitglieder starken Stoxx-Index nach attraktiven Nachzüglern in jenen Branchen gesucht, die sowohl seit Jahresbeginn als auch seit dem Start des zweiten Semesters die Nase vorn haben. Fünf Branchen kamen in die engere Wahl: die Touristik- und Freizeitindustrie, die Versicherungswirtschaft, der Chemiesektor, die Nahrungsmittelbranche sowie Hersteller von Konsumartikeln.
Zu den Branchenstiefkindern, die einen zweiten Blick wert sind, zählt der spanische Spezialist für Trockenlebensmittel Ebro Foods. Nach geschäftlichen Tiefschlägen musste die Aktie des Herstellers von Nudeln, Reis und Molkereiprodukten, zu dessen Marken bekannte Namen wie Birkel, Oryza und 3 Glocken zählen, im April den iberischen Leitindex Ibex verlassen. Der Prestigeverlust war dem Management um Vorstandschef Antonio Callejas ein Ansporn, die Margenprobleme in den Griff zu bekommen. Die Verteuerung bei Agrarrohstoffen hatte Ebros Gewinnspannen heftig zugesetzt. Zur Halbzeit legte Callejas überzeugende Resultate vor. Dank des Zukaufs neuer Sparten wurde der Gewinn vor Steuern, Abschreibungen, Zinsen und Anteilen Dritter (Ebitda) in den ersten sechs Monaten 2012 um 28,7 Prozent auf 155,7 Mio. Euro gesteigert. Die operative Marge von 14,8 Prozent nach 13,9 Prozent im Vorjahreszeitraum lässt hoffen.
Das Beispiel der Spanier ist typisch für viele Branchennachzügler. Oft sind hausgemachte Schwierigkeiten schuld daran, dass sie dem Wettbewerberfeld hinterherhinken. Während Konkurrenten von optimistischen Branchenaussichten profitieren, bremsen offene Sanierungsfragen, Finanzierungsprobleme, fehlgeschlagene Expansionsprojekte und skeptische Analystenstudien die Außenseiterpapiere.
Wie beim niederländischen Spezialchemiker DSM : Knapp die Hälfte der Kommentatoren empfehlen das Papier des Herstellers chemischer Zusätze für die Pharma- und Tiergesundheitsindustrie zum Kauf. Mit 38 Prozent Empfehlungen zum Halten und neun Prozent Verkaufshinweisen ist das Lager der Kritiker zurzeit groß. Die Außenseiterwette könnte bei DSM lohnen: Setzt sich der erfreuliche Ertragstrend des ersten Halbjahrs fort, wird der Dividendentitel aus dem Schatten erfolgreicher Wettbewerber heraustreten. Ein zur Halbzeit lanciertes Effizienzprogramm soll zudem die Kosten ab 2014 um bis zu 150 Mio. Euro pro Jahr senken.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wende gelingt und Anleger, die dem "Recovery Investing"-Ansatz frönen, für ihren Wagemut belohnt werden, ist bei Sektorenstiefkindern grundsätzlich groß. Grund: Sanierung und Schuldenabbau gelingen dank des robusten Branchenumfelds besser als bei Firmen, deren Industriezweig in der Krise steckt. Selbst für den Fall, dass alle Rettungsversuche fehlschlagen, bleiben die Nachzügler für Überraschungen gut. Denn nicht nur Renditejäger haben die meist deutlich unterbewerteten Außenseiter auf dem Radar. Auch erfolgreiche und kapitalkräftige Branchennachbarn werfen gern einen Blick über den Zaun. Oft werden Nachzügler so zu Übernahmezielen.
Ein denkbarer Kaufkandidat ist der französische Haushaltsgerätehersteller Groupe SEB, über den bislang die Nachfahren des Firmengründers ihre schützende Hand halten. Doch das muss nicht immer so bleiben. Das attraktive Markensortiment des Traditionsunternehmens mit klangvollen Namen wie Tefal, Moulinex, Rowenta und Krups wäre für manchen Konkurrenten eine echte Bereicherung.
Eine Übersicht mit zehn aussichtsreichen Außenseiteraktien finden Sie in der Aktuellen Ausgabe des Anlegermagazins BÖRSE ONLINE.