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Merken   Drucken   20.04.2005, 11:40 Schriftgröße: AAA

Hoffnung auf billiges Öl schwindet  

Der Ölpreis erreicht ungeahnte Rekordmarken - und macht die Kostenkalküle vieler Firmen, Verbraucher und Regierender obsolet. Die FTD analysiert in einer Artikelreihe, wie der neue Ölschock die Wirtschaft erschüttert. Diesmal: Warum Öl noch teurer zu werden droht. von Sebastian Dullien, Berlin, und Claus Hecking, Frankfurt
Irregeleitete Analysten: Prognosen und tatsächlicher Ölpreis der ...   Irregeleitete Analysten: Prognosen und tatsächlicher Ölpreis der Sorte Brent in $ je Barrel
Noch im vergangenen Herbst waren sich die Experten weitgehend einig: Der Ölpreis, der damals erstmals rund 50 $ je Barrel (159 Liter) erreichte, werde bald wieder fallen. Die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds rechneten damit, dass Öl 2005 im Schnitt nur noch 37,25 $ kosten wird. Die Analysten von Merrill Lynch waren noch optimistischer: Sie sagten einen Kurs von knapp über 30 $ voraus - für 2005 wie für die weitere Zukunft.
All das ist heute überholt. Statt zu fallen, kletterte der Ölpreis. Nach einem Zwischentief im Dezember ging es steil aufwärts. Anfang April kostete das Fass Brent-Öl rund 56 $ - Rekord. An den Terminmärkten wurde der Energieträger zur Lieferung im Herbst mit rund 60 $ gehandelt.
Suche nach den tieferen Ursachen
Geschrumpft ist seitdem auch das Lager derjenigen, die überhaupt wieder mit Kursen unter 30 $ rechnen. Jetzt kursiert die These, dass das Ölpreishoch viel tiefere und strukturelle Ursachen hat. Und die Frage ist, ob es bald auch Kurse von mehr als 100 $ geben wird, wie sie einige Pessimisten nun für möglich halten.
Das Angebot werde auch in nächster Zukunft kaum mit der Nachfrage mithalten, prophezeit Sandra Ebner, Ölexpertin der Deka-Bank. Einer der Gründe für den kräftig gestiegenen Bedarf an Öl ist der Wirtschaftsboom in China. Und die Chinesen haben "überraschend viel Rohöl nachgefragt", räumte der Chefvolkswirt des IWF, Raghuram Rajan, jetzt ein.
Dazu trug der Autoboom in dem Milliarden-Einwohner-Staat ebenso bei wie die dortige Energiepolitik: Aus Sorge vor Umweltproblemen hat die Regierung viele kleinere Kohleminen schließen lassen - der Energiebedarf muss nun mit Importöl gedeckt werden.
Scheu vor Investitionen
Normalerweise müssten die Ölanbieter auf die neuen Perspektiven längst mit einer Ausweitung ihrer Kapazitäten reagieren. Hier liegt das zweite Problem. Viele Konzerne scheuten aus schlechter Erfahrung vor Investitionen zurück, so Deka-Expertin Ebner. Nach der ersten Ölkrise hatten sie Ende der 70er Jahre enorme Kapazitäten aufgebaut. Als der erwartete Nachfrageboom dann ausblieb, führte das Überangebot Mitte der 80er Jahre zu einem Verfall der Ölpreise. Ende 1998, als krisenbedingt zudem die Nachfrage aus Asien wegbrach, fielen die Rohölnotierungen zeitweise sogar unter 10 $.
"Jetzt gehen die Konzerne lieber auf Nummer sicher und kalkulieren langfristig mit Preisen zwischen 25 und 30 $", sagt Ebner. Auf diesem Niveau lohne sich eine Erschließung neuer Felder aber kaum. Ähnlich sieht das der IWF. "Mittelfristig werden die Ölmärkte angespannt bleiben", heißt es im jüngsten Weltwirtschaftsbericht. Weil es so wenig ungenutzte Förderkapazitäten wie zuletzt 1991 gebe, sei der Markt anfällig für neue Preisausschläge.
Endzeitalter des Öls
Einige Experten sehen in dem jüngsten Kurshoch die Vorboten dafür, dass die weltweiten Ölreserven allmählich ausgehen: Die Märkte preisen das Endzeitalter des Öls schon ein, vermutet Peter Schwartz vom Global Business Network. Nach Schätzungen des IWF wird die Ölproduktion in den Nicht-Opec-Staaten 2010 ihren Höhepunkt erreichen und danach sinken. Und auch arabische Staaten wie Dubai planen jetzt schon für die Zeit nach dem Öl.
Umstritten bleibt, wie teuer das schwarze Gold noch wird. "Wir prognostizieren für 2005 einen Durchschnittspreis von 52 $ und für 2006 von 56 $", so Deka-Ökonomin Ebner. "An Preise über 50 $ wird man sich gewöhnen müssen", meint Tobias Merath, Ölexperte von Credit Suisse.
Selbst bei einer Abschwächung des chinesischen Wachstums seien keine nennenswerten Nachfragerückgänge zu erwarten: "Chinesische Firmen gleichen im Moment ihre kurzfristigen Stromengpässe aus, indem sie Energie aus Dieselgeneratoren gewinnen." Bis das Stromnetz modernisiert sei, werde es mindestens vier Jahre dauern. Die Experten von Goldman Sachs prophezeien sogar eine "Superhochphase" - mit Preisen, die zwischen 50 und 105 $ pendeln.
Statistik spielt gegen Optimisten
Einen Rückgang unter 30 $ halten selbst Optimisten bestenfalls kurzzeitig noch für möglich, ähnlich wie beim Preisrutsch 1998. Wolfgang Wilke von der Dresdner Bank sieht den Ölpreis selbst bei einer Konjunkturabkühlung in den USA und langsamerem Wachstum in China noch bei knapp unter 40 $. Die Ökonomen von Morgan Stanley rechnen bis Ende 2006 mit Kursen über 40 $.
Die Statistik spricht gegen die Optimisten. Wie eine Auswertung der FTD zeigt, haben Bankanalysten nicht nur 2004 mit ihrer Ölprognose danebengelegen. Schon seit 1999 unterschätzten sie Jahr für Jahr die Preisdynamik am Ölmarkt - immer wieder mit dem Argument, der Preis werde zum langjährigen Durchschnitt zurückkehren. Der lag deutlich unter 30 $. Bisher.
  • Aus der FTD vom 20.04.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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